Leseprobe – Whitehill Mysteries: Seuchenwahn

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Auszug aus Kapitel 5

[…]

Mir wird flau im Magen und ich hab das Gefühl, mich jeden Moment übergeben zu müssen.

Auf Höhe der Toilette halte ich an. »Wartet kurz auf mich. Ich bin gleich zurück.«

Der Waschraum schützt mich einen Moment vor dem furchtbaren Ächzen da draußen und ich schließe erleichtert die Augen.

Einatmen.

Ausatmen.

Einatmen.

Ausatmen.

Jetzt bloß nicht durchdrehen, Emma. Du musst bei Sinnen bleiben. Reiß dich zusammen!

Mit wackeligen Beinen gehe ich zu einem der Waschbecken hinüber, als ich ein leises, aber gleichmäßiges Geräusch höre.

Klack

Klack

Vorsichtig drehe ich mich um.

Keine Toilettenkabine ist verschlossen.

»Hallo?«, flüstere ich leise und als keine Reaktion kommt, versuche ich es noch einmal lauter. »Ist jemand hier?«

Klack

Klack

Klack

Als würde etwas auf den Boden fallen.

Immer und immer wieder.

Unsicher gehe ich auf die Kabinen zu. Vielleicht benötigt jemand meine Hilfe?

Ich stoße die erste von drei Türen auf.

Nichts.

Klack

Ich gehe zur zweiten Kabine.

Die Tür ist geschlossen, aber nicht verriegelt.

»Ich komme jetzt rein«, rufe ich mit zittriger Stimme, erhalte aber keine Antwort. Mit einem Ruck stoße ich die Tür auf.

Klack

Klack

Die Kabine ist leer.

Dann muss das Geräusch aus der letzten Kabine kommen.

Die Tür quietscht, als ich sie langsam aufdrücke.

Klack

Erschrocken weiche ich zurück.

»Mrs. Peabody?«, flüstere ich und meine Stimme bricht.

Die Mathelehrerin sitzt seitlich auf dem geschlossenen Toilettendeckel. Den Kopf hat sie weggedreht. Ihre Hände machen irgendwas in ihrem Gesicht. Ich kann es nicht erkennen und gehe langsam auf sie zu.

»Geht es Ihnen gut? Soll ich jemanden holen?«

Mrs. Peabody, die bisher nicht auf mich reagiert hat, dreht sich jetzt langsam zu mir.

Und da sehe und höre ich es gleichzeitig.

Klack

Aus ihrer Hand und direkt vor meine Füße rollt ein Zahn.

Ein dicker Backenzahn mit frischem Blut an der Wurzel.

Mein Blick wandert über die Fliesen und bleibt zwischen Mrs. Peabodys Füßen hängen.

Dort, zwischen ihren Schuhen, liegen Zähne.

Blutige Zähne.

Backenzähne.

Frontzähne.

Kleine Zähne.

Große Zähne.

Mit einem Satz springe ich zurück und die Kabinentür knallt vor die Wand.

Schockiert presse ich mir die Hand vor den Mund, als Mrs. Peabody das Gesicht zu einer grinsenden Grimasse verzieht.

Dann steckt sie Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in den Mund, wackelt ein wenig bis es knackt und knirscht und wirft den nächsten Zahn auf die Fliesen.

Ich bin starr vor Schreck.

Blut läuft über Lippen und Kinn der Frau.

Aber sie grinst.

Lacht.

Verzieht den mittlerweile fast zahnlosen Mund zu einer tiefen, pechschwarzen Höhle.

»Emmmmmma«, zischt sie und betont meinen Namen dabei so merkwürdig, dass mir schwindelig wird.

Sorgsam gehe ich rückwärts.

Schritt für Schritt.

Lasse meine Lehrerin und die kuriose Szene vor mir nicht aus den Augen.

Klack

Sie wirft einen Zahn nach mir.

Ich springe zur Seite.

Presse mir die Hand aufs Herz.

Es folgt ein weiterer Zahn.

Klack

»Hören Sie auf!«, schreie ich […]