Leseprobe „Whitehill Mysteries: Heimgesucht“

Erscheint am 13. Dezember 2019 / Jetzt schon vorbestellen!

Auszug aus Kapitel 5

[…]

»Wenn meine Mom morgens aufsteht, sieht sie tatsächlich manchmal aus wie der Teufel höchstpersönlich.« Bobby lacht über seinen eigenen Witz. Ich stimme nicht ein und er verstummt. »Sorry, Kumpel.«

Die Kellnerin stellt zwei Cokes auf den Tisch und geht zurück zur Theke. Ich ziehe am Strohhalm. Spüre die kalte, prickelnde Flüssigkeit durch meinen Rachen fließen. Doch das einzige was ich vor mir sehe, sind diese beiden pechschwarzen Löcher in dem Gesicht einer Frau, die sich bis gestern noch wie ein Familienmitglied angefühlt hat.

»Sag mir, dass du mir glaubst«, flehe ich Bobby beinahe an und sein belustigter Gesichtsausdruck verwandelt sich in Sorge.

»Ich glaub dir. Klar. Wenn du sagst, du hast das gesehen, dann ist das auch so gewesen.«

Er ist ein netter Kerl. Aber ich glaube ihm seine Worte genauso wenig, wie er mir die Schilderung über das Küchenerlebnis. Also setze ich noch einen oben drauf und erzähle ihm von den Fußspuren im Schnee. Obwohl er mir interessiert und aufmerksam lauscht, weicht die Skepsis nicht aus seinem Blick.

»Und du meinst, derjenige, der die Spuren hinterlassen hat, war auch nachts am Zelt und hat es hochgehoben?«

Ich zucke mit den Schultern.

Keine Ahnung was ich meine. Aber die Dinge laufen gerade einfach nicht so, wie sie laufen sollten.

»Hey Jungs, wie gehts?«

Ich zucke zusammen als Mr. Thompson plötzlich an unserem Tisch steht und zur Begrüßung einmal auf die Tischplatte klopft.

»Wir machen eine kleine Drehpause.« Bobby grinst.

»Das klingt gut. Greg, rutscht du ein Stück rüber? Ich sterbe vor Neugierde. Wie laufen die Dreharbeiten?«

Ich verdrehe die Augen während ich zum Fenster durchrutsche.

»Gut.«

»Gut? Nur gut? Wo ist die Leidenschaft hin?« Mr. Thompsons Blick huscht zwischen Bobby und mir hin und her. Das begeisterte Lächeln stirbt auf seinen Lippen.

»Wir drehen oben, im alten Whitehill Manor«, sagt mein Kumpel, als würde das irgendetwas erklären.   

Ich trete Bobby unterm Tisch auf den Fuß und er springt jaulend nach oben. »Hey! Irgendwer hat mich getreten.«

Ich schüttle den Kopf. Können bitte alle verschwinden und ich in einen langen, erholsamen Schlaf fallen? Ohne gruselige Fratzen? Und unheimliche Fußspuren?

»Das ist auf jeden Fall eine unheimliche Kulisse. Dann wird es ein Gruselfilm?«

»Kann man so sagen«, murmle ich.

»Aber Jungs, ihr solltet echt aufpassen. Da draußen gehen merkwürdige Dinge vor.«

Mr. Thompson glaubt an die ganzen Geschichten, die man sich über das verlassene Herrenhaus erzählt?

Jetzt horche ich auf.

»Das sind nur Märchen«, versuche ich zu beschwichtigen.

»Nun ja, in erster Linie sind es zahlreiche Menschen, die dort oben im Wald immer wieder verschwinden. Spurlos. Als hätte es sie nie gegeben. Und viele von ihnen sind in eurem Alter.«

Bobby reißt die Augen weit auf. »Kennen Sie jemanden, der verschwunden ist?«

»Jeder von uns kennt doch irgendjemanden, der dort oben verloren gegangen ist.«

Ich schaue auf mein Glas und drehe es nervös auf der Tischplatte.

Von der anderen Seite des Raums ruft eine Frau etwas in unsere Richtung und Mr. Thompson nickt ihr zu.

»Ich kann es kaum erwarten, den Film zu sehen. Aber versprecht mir, dass ihr gut auf euch Acht gebt.«

Bobby nickt.

»Vor allem du, Greg.« Unser Lehrer steht auf und wendet sich ab. Ich schaue zu ihm hoch, während Bobby in seinem Rucksack nach Kleingeld wühlt.

»Es gibt Dinge, vor denen kann man nicht davonlaufen.« Mr. Thompson öffnet seinen Mund zu einem breiten Grinsen. Dabei lockert sich ein Frontzahn, löst sich und fällt zu Boden. Ich starre mit aufgerissenen Augen auf das blutige Ding direkt neben meinem Schuh. Als ich wieder aufsehe, ist Mr. Thompson verschwunden.

»Hast du einen Geist gesehen?«, fragt Bobby und zählt das Geld ab.

»Der … der Zahn«, stammle ich und deute auf den Fußboden.

Bobby bückt sich. »Hä?«

»Da liegt doch ein …«

Aber neben meinem Schuh liegt nichts.

Gar nichts.

[…]