Leseprobe „Whitehill Mysteries: Dunkelzeit“

Auszug aus Kapitel 4

[… ]

»Wenn Sie nicht in einer halben Stunde alle Nachttöpfe geleert und gespült haben, werde ich sie Ihnen um die Ohren pfeffern!« Der mürrische Mann, der gerade noch die Frechheit besaß, mich zu schlagen, steht jetzt wieder direkt vor mir und starrt mir herausfordernd in die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde liegt mir eine schnippische Bemerkung auf der Zunge. Was auch immer hier läuft – es läuft auf jeden Fall eine Spur zu gut. Ist das ein Spiel? Ein Film? Eine Art Theaterstück? Die Schauspieler sind wirklich klasse. Der alte George hat mir richtig leidgetan und ich hätte schwören können, dass Lauren wirklich in Sorge um ihn war. Vielleicht sollten sie nach Hollywood aufbrechen?

Grinsend springe ich die Stufen nach oben. Irgendwo dort muss Ryan sein. Wenn ich ihm erstmal erzähle, was ich gerade gesehen habe. Das glaubt uns doch kein Mensch! Das ist mit Abstand die coolste Urban Exploration, die ich je erlebt habe.

Aber auch im ersten Obergeschoss von Whitehill Manor finde ich meinen Cousin nicht. Als ich in die Hosentasche greife, um mein Handy herauszuziehen, erstarre ich plötzlich. Wo zum Teufel ist das Ding? Wer hat es genommen? Das ist nicht lustig! Mein Handy ist mir heilig. Doch noch etwas anderes fällt mir auf: Seit wann trage ich weiße Hosen?

Und während ich an mir hinabblicke, erkenne ich, dass nicht nur die Hose oder das verlorene Handy meine Probleme sind: Nichts von der altmodischen Kleidung die ich trage, gehört mir. Ich sehe aus, als wäre ich selbst ein Pfleger! Kein Wunder, dass mich hier alle so behandeln. Selbst ein Namensschild steckt auf Höhe meiner Brust. Zumindest scheine ich noch immer den gleichen Namen zu haben – Bill Harper. Das ist ja schon mal was. Aber wer hat mich umgezogen? Oder war ich es etwa selbst? Steckt Ryan vielleicht mit all diesen Leuten hier unter einer Decke? Das würde mich nicht wundern. Sein spontaner Meinungswechsel bezüglich unserer Tour zum Anwesen kam sowieso viel zu plötzlich und unerwartet. Aber das hier hätte selbst mein schlauer Cousin nicht in zwei Stunden organisieren können.

Ich beschließe, jemanden zur Rede zu stellen. Den ersten Menschen, der mir begegnet. Doch ich stelle schnell fest, dass das nicht so einfach ist. In diesem riesigen Gebäude begegnen mir laufend Menschen. Aber nicht die Hälfte davon ist ansprechbar oder sie geben zumindest vor, es nicht zu sein. Sie laufen durch die Gänge und Flure, als hätten sie irgendetwas genommen. Ihre Augen sind glasig. Ihre Stimmen schrill. Der Blick ängstlich und starr. Einige rennen hektisch auf ab. Springen von einer Ecke in die andere. Lachen hysterisch, nur um im nächsten Moment mit einem tränenüberströmten Gesicht an der Wand zu kauern.

Mir wird unheimlich zumute.

Erst als Susann, die Frau, die mich im Speiseraum aus meiner offensichtlichen Bewusstlosigkeit geholt hat, aus einer Tür in den Flur tritt, atme ich erleichtert durch.

»Susann!«, rufe ich sie. »Susann, warte mal!«

»Für Sie immer noch Ms. Stewart«, schimpft sie und zieht die Augenbrauen argwöhnisch zusammen.

Ich nenne sie auch schlecht gelaunten Käsekuchen, wenn ihr das lieber ist. Hauptsache sie gibt mir eine Antwort auf meine Fragen. Und zwar jetzt und sofort!

»Wo ist mein Handy?«

»Wie bitte?«

Habe ich Spanisch gesprochen?

»Hören Sie auf! Irgendwer hat es genommen. Wo ist es? Das Handy!«

»Was ist ein Handy?«

Jetzt muss ich mich zusammenreißen. Kann sie wirklich nur so tun, als wüsste sie nicht, was ich von ihr will?

»Wer ist für das hier verantwortlich? Wen kann ich ansprechen? Ich suche meinen Cousin Ryan.« Susann, die nebenbei einer jüngeren Frau über den Mund gewischt hat, an deren Kinn sich ein paar Speichelfäden abseilten, hält einen Moment inne und steckt das Tuch wieder in ihre Rocktasche.

»Was meinen Sie?«

Ich möchte beinahe aus Verzweiflung lachen, weil sie ihre Rolle so gut spielt. Und weil ich anfange, zu resignieren. Doch ihr Blick ist so starr und ernst, dass mir das Lachen im Hals stecken bleibt.

»Wir sind doch noch auf Whitehill Manor, richtig?«

»Whitehill Manor? Es ist das Whitehill Sanatorium. Ich habe noch nie gehört, dass es jemand als Manor bezeichnet hat. Fühlen Sie sich nicht wohl, Harper?« Es ist mir unangenehm, dass sie mich ständig nur mit meinem Nachnamen anspricht. Ich will ihr sagen, dass ich Bill heiße und sie mich einfach so nennen soll. Ich traue mich nicht. Diese Geschichte hier ist mir eine Nummer zu groß. Der Spaß ist jetzt wirklich vorbei.

»Hören Sie, Susann, mein Cousin und ich waren hier auf Tour. Urban Exploration nennt sich das, falls Sie noch nichts davon gehört haben. Wir wollten nur ein paar Bilder machen und dann wieder verschwinden. Ich muss gestürzt sein oder sowas in der Art. Als ich wieder zu mir kam, sind hier plötzlich alle durchgedreht.«

»Das alle durchgedreht sind ist normal, Harper. Sie wissen doch, wie das mit den Patienten ist. Der Schwachsinn hat sie fest im Griff. Lassen Sie sich davon bloß nicht zu sehr beeindrucken. Ich bin sicher, dass die Behandlungen bald Wirkung zeigen werden. Und Sie werden sich daran gewöhnen. Das fiel uns allen am Anfang schwer.«

Jetzt verstehe ich nur noch Bahnhof.

»Dr. Winston ist bereits zur Abendrunde aufgebrochen. Ich muss die Patientinnen ins Bett bringen. Haben Sie sonst noch eine Frage?«

Ich starre sie verwirrt an, während mir keine weitere Frage einfällt, die ich Susann stellen könnte. Erst als sie nickt und eine schmale Tür zu einem weiteren Treppenhaus öffnet, schießt mir eine plötzliche Eingebung in den Sinn.

»Ms. Stewart!«

»Ja?«

»Mein Kopf. Der Sturz. Sie wissen schon. Welches Jahr haben wir noch gleich?«

»Es ist der 8. Juli 1904. Ruhen Sie sich aus.«

[…]

Will ich haben!