Leseprobe „Whitehill Mysteries: Blutrausch“

Will ich haben!

Auszug aus Kapitel 2

[…]

»Kennst du die?« Chase lacht plötzlich auf und beugt sich geheimniskrämerisch zu seinen Freunden. »Wenn du nachts in den Wald gehst, soll dir ein kleines Mädchen begegnen. Es soll ein zerrissenes Kleidchen anhaben und schwarze, wippende Locken tragen. Wenn du ihr folgst, führt sie dich zum Haus, und sobald du drin bist, verwandelt sie sich in eine alte Frau und frisst dich!« Beim letzten Wort springt er auf, formt seine Hände zu Klauen und versucht damit die Cheerleader zu beeindrucken, die sich – natürlich, wie sollte es anders sein – quietschend vor gespielter Angst aneinanderpressen.

»Wovon redet der?«, frage ich Morgan, weil ich in den letzten Minuten nicht zugehört habe, und sie beugt sich zu mir herüber.

»Von Whitehill Manor.«

Jetzt horche ich doch auf.

Jeder von uns kennt Whitehill Manor. Es ist das riesige, alte Herrenhaus im Wald, ganz in der Nähe von Little Ivy. Man sagt, dort würden merkwürdige Geister umgehen und es sei gefährlich, nachts auch nur einen Schritt in die Nähe des Hauses zu setzen. Früher einmal war es ein Sanatorium und wurde von dem verrückten Dr. Harold Winston geleitet. Bis heute munkelt man, er sei gar kein richtiger Arzt gewesen und hätte ekelhafte Experimente an seinen Patienten durchgeführt. Später wurde das Gebäude auch als Internat und sogar als Hotel genutzt, aber sein Ruf eilte ihm voraus. Immer wieder soll es zu merkwürdigen Geschehnissen gekommen sein und Gäste oder Patienten haben von Geistererscheinungen berichtet. Mittlerweile steht Whitehill Manor seit vielen Jahren leer, doch die Spukgeschichten ranken sich noch immer um diesen merkwürdigen Ort mitten im Wald, oberhalb der Klippen. Ich wette, dass jedes Kind aus Little Ivy irgendwann einmal dort in den Wald geht und sich das imposante Gebäude ansieht. Auch Morgan und ich sind schon dort gewesen, allerdings bei Tag.

Einst muss Whitehill Manor von hohen Mauern und Zäunen umgeben gewesen sein. Mittlerweile gibt es so viele kaputte Stellen in beidem, dass man einfach und ohne große Mühe auf das Grundstück klettern kann. Ins Haus hinein haben wir uns nicht gewagt, was aber auch daran lag, dass die Türen mit Holzbrettern vernagelt gewesen sind. Um Whitehill Manor herum gibt es ein riesiges Grundstück. Man spricht von einem kleinen Friedhof, im Wald hinter dem Haus versteckt, von dem nachts die Toten auferstehen sollen. Gefunden haben Morgan und ich ihn nicht. Dafür haben wir einen See entdeckt, ein zerfallenes und wild bewachsenes Gewächshaus und ein paar Brunnen. Geister sind uns keine begegnet, aber es lässt sich nicht leugnen, dass die Stimmung auf dem riesigen Anwesen ziemlich gedrückt ist. Als würden die uralten Geschichten und das Leid der Patienten noch immer fest in den Kronen der Bäume hängen, die das Gebäude umgeben.

Unterdessen ist Isaac dazu übergegangen, die allseits bekannte Gruselgeschichte von der eingemauerten Hausherrin zu erzählen, die jede Nacht aus ihrem Verlies kommt und durchs Haus streift. Man soll sie in den Fenstern sehen können, vor allem, wenn man bei Vollmond vor dem Gebäude steht. Isaac erzählt es so übertrieben theatralisch, dass ich sie eher lustig als gruselig finde. Aber bei Alexis – die jetzt auf seinem Schoß sitzt – scheint es zu wirken. Kichernd vergräbt sie das Gesicht an seiner Schulter und zuckt bei jedem Schreckmoment übertrieben zusammen. Ich schüttle den Kopf und Morgan grinst mich an.

Es ist Chase, der plötzlich etwas sagt, was mich wirklich aufhorchen lässt. »Ich wette, keiner von euch hat den Arsch in der Hose, dort eine Nacht zu verbringen. Und ich meine im Haus! In Whitehill Manor! Alleine! Im Dunkeln!«

Mein Blick gleitet über die Footballer, die sich gegenseitig achselzuckend ansehen, als hätten sie nie etwas Langweiligeres gehört. Aber keiner von ihnen sagt, dass er die Wette annimmt. Im Gegenteil. Sie drucksen herum, als hätten sie tatsächlich Schiss.

»Wozu denn? Was ist die Belohnung?«, fragt einer von ihnen und Isaac springt auf Chases Zug auf. »Belohnung, Belohnung, du Freak! Es geht um Mut und Männlichkeit.« Die anderen lachen kopfschüttelnd. Aber noch immer hat keiner gesagt, dass er es tun würde.

Bis jetzt.

»Ich mache es.« Ich springe auf. Alle starren mich an.

»Bist du verrückt?« Morgan zupft an meiner Jacke, doch ich ignoriere sie.

»Brillenschlange will ein großer Junge werden.« Isaac macht sich über mich lustig und erntet ein paar Lacher, aber ich lasse mich nicht von meinem Vorhaben abbringen. Eine Nacht auf Whitehill Manor – was soll schon passieren? Letztlich ist es nur ein verlassenes Haus. […]