Kurzgeschichte „Nacht der Wunder“

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch, als mein Handy laut vibrierend über den Nachttisch rutscht und auf den Fußboden knallt. Verdammt! Wie spät ist es eigentlich?

Müde reibe ich mir die Augen und fische im Dunkeln nach dem Telefon. Gerade, als ich es erreicht habe, stoppt die Vibration und ich lasse mich erschöpft zurück in die Kissen sinken. Vor meinem Fenster stürmt es und der Regen schlägt gegen die Scheibe. Nicht gerade das schönste Wetter um einen neuen Tag zu beginnen. Obwohl es eigentlich egal ist. Jeder Tag ist genauso dämlich wie der vorherige.

Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf, während das Handy erneut vibriert. Diesmal schaffe ich es rechtzeitig.

„Hallo?“ In der Dunkelheit klingt meine Stimme irgendwie dumpf, als würde sie nicht so recht wissen, wohin sie vordringen soll. Das Gefühl kenne ich.

„Jody! Heute Abend, 8 Uhr bei Aaron! Bist du dabei? Ich hol‘ dich auch ab.“

„Hast du mal auf die Uhr geguckt?“, murmle ich und blinzle zum Wecker hinüber.

„Hast du das denn gemacht? Dir ist schon klar, dass Mrs. Roberts dich in Englisch schmerzlich vermissen wird, wenn du dich nicht beeilst.“

Oh nein!

Innerhalb von Sekunden sitze ich im Bett. Das darf doch nicht wahr sein. Nicht schon wieder!

„Bin schon auf dem Weg!“

„Hey, warte, was ist nun mit heute Abend?“, drängt Melissa am anderen Ende der Leitung.

„Keine Ahnung. Wir reden später!“

„Jody!“, ruft sie noch, doch da drücke ich sie schon weg. Ich kann es mir einfach nicht leisten, noch einmal zu spät zu kommen. In der Hoffnung auf ein klein wenig Tageslicht reiße ich die dunklen Vorhänge auf, doch das stürmische und regnerische Wetter schenkt mir keine Motivation für den Tag. Ohne zu Frühstücken eile ich direkt aus dem Haus und stoße im Vorgarten mit meinem Dad zusammen.

„Kann ich deinen Wagen haben?“

Er zieht die Augenbrauen nach oben, wodurch sich seine Stirn kräuselt und er mindestens 10 Jahre älter aussieht.

„Ich muss mit Tom zum Arzt. Er fiebert schon wieder. Nimm den Bus.“

Er sieht mich nicht an. Aber ich sehe seine großen, dunklen Augen, die mittlerweile tief in den Augenhöhlen liegen, trotzdem. Er hat furchtbar viel Gewicht verloren.

„Der Bus ist schon weg.“, murmle ich und Dad vergräbt die Hände in den Hosentaschen. Jede Sekunde in meiner Nähe bereitet ihm Unbehagen. Ich wünschte, ich könnte von mir selbst das Gegenteil behaupten.

„Lauf.“ Mehr sagt er nicht, sondern verschwindet daraufhin wortlos im Haus. Ich diskutiere nicht, ziehe den Schal enger um meinen Hals und knöpfe die Jacke so weit wie möglich zu, während ich die Straße hinunterlaufe.

 

„Du solltest dir echt mehrere Wecker stellen.“ Melissa sitzt neben mir in der Cafeteria und schlürft einen Kakao, während sie in ihrer Tasche nach einem Kugelschreiber wühlt. „Dieses verflixte Ding…“, schimpft sie.

„Mein Dad brauchte den Wagen. Ich hätte es sonst geschafft.“

„Ja, klar. Und wenn ich nicht angerufen hätte?“

Gleichgültig zucke ich mit den Schultern und stochere lustlos in meinem Salat herum. Anschließend schiebe ich den Teller von mir weg in die Mitte des Tisches.

„Hmm, willst du nicht mehr?“, kommt Eric aus dem Hintergrund direkt auf unseren Tisch zugesteuert. Der dritte Knopf von unten ist auf Höhe seines Bauchnabels vom Hemd gesprungen und lässt ein verwaschenes T-Shirt durchschimmern. Er stellt sein prall gefülltes Tablett neben uns auf den Tisch und lässt sich stöhnend auf einen Stuhl gleiten.

„Iss weniger! Wenn der Stuhl unter dir zusammenbricht, heulst du wieder rum.“ motzt Melissa, die immer noch halb in ihrem Rucksack steckt.

„Ist doch nur Salat.“

„Mit fettigem Dressing.“, schießt Melissas Kopf hinter der Tischkante empor und ich grinse. Eric und Melissa – der Inbegriff von Hund und Katze.

„Jody, sag doch was!“, bittet er mich mit gespielter Verzweiflung um Hilfe und ich lache.

„Iss schon.“

Grinsend wie ein Honigkuchenpferd macht er sich zuerst über seinen Nudelgratin und anschließend den Salat her. „Haff ihr vof Aarofs Parfy gehörf?“, fragt er mit vollem Mund und Melissa schüttelt den Kopf.

„Das ist eklig, Eric.“
„Waff?“

Resignierend zieht sie den Reißverschluss ihres Rucksacks zu und lässt die Schultern sinken. „Jody und ich gehen hin.“

„Hey! Ich hab doch gar nicht…“

Eric schluckt. „Echt? Du gehst mit, Jody? Das find ich stark.“, grinst er mich an und ich fühle mich sofort schuldig, weil ich momentan eigentlich nichts weniger wollen könnte, als einen Abend unter betrunkenen Teenagern auf einer Party zu verbringen.

„Dann komm ich auch.“

„Prima, wir werden gegen 8.15 Uhr da sein.“, lächelt Melissa und nimmt ihre Sachen. „Auf geht’s zu Mathe!“

 

„Das ist eine Halloweenparty! So kannst du doch dort nicht auftauchen!“, beschwert sich meine Freundin entrüstet.

„Vergiss es. So oder gar nicht.“

„Oh Jody, so fällst du viel mehr auf.“ In ihrem Gesicht und Haar klebt Kunstblut. Die Haut ist weiß geschminkt und das Krankenschwester-Kostüm viel zu kurz und knapp für die kalte Jahreszeit.

„Fahr los.“, fordere ich sie auf und schnalle mich auf dem Beifahrersitz an.

„Jody, Süße… du bist meine beste Freundin, deshalb muss ich dir das jetzt so sagen: Das Leben geht weiter! Deine Mom ist vor über einem halben Jahr gestorben. Du musst langsam wieder auf die Beine kommen.“

„Einhundertneunundfünzig Tage.“, flüstere ich.

„Was?“

„So lange ist sie tot. Das sind 5 Monate und 6 Tage. Kein halbes Jahr.“

Melissa schlägt die Hände vors Gesicht und atmet hörbar laut ein und aus. „Das ist creepy. Ich meine, wer weiß denn sowas?“

„Wenn sich in deinem Leben nicht alles um Partys, Jungs oder das Footballteam drehen würde, wäre in deinem Kopf eventuell auch Platz für wichtigere Dinge.“, gifte ich sie an und augenblicklich tut es mir leid. „Sorry. Ich wollte nicht… es ist nur…“

„Schon okay.“, bemüht sie sich mich anzulächeln. „Wir sollten losfahren, bevor wir noch zu spät kommen und Eric sich aufregt. Worum wollen wir wetten, dass er als Disco Queen dort aufschlägt?“ Sie startet den Motor und fährt die Einfahrt hinab.

„Da brauchen wir nicht wetten. Das ist sowas von sicher.“, grinse ich und meine es diesmal wirklich ernst. Vielleicht ist ein Abend unter Freunden doch genau das, was ich jetzt gebrauchen kann.

 

Schon von weitem sehen wir verschiedene Grüppchen von Teenagern, die sich vor Aarons Haus versammelt haben. Sie tanzen zur Musik, einige singen, andere lachen. Mir wird unwohl im Magen und ich würde Melissa am liebsten bitten, mich sofort nach Hause zu bringen, doch das Strahlen in ihren Augen lässt mich schweigen.

„Es ist eine Ewigkeit her, dass ich auf einer guten Party war.“, grinst sie und parkt den Wagen ein paar Meter vom Haus entfernt.

Die kalte Nachtluft schlägt uns eisig entgegen und unsere Schuhe klappern auf den kaputten Gehwegplatten, während wir uns beeilen, zur Party zu gelangen. Zugegeben, Aarons Dekoration ist thematisch wirklich stimmig. Überall hängen Lichterketten und tauchen das Haus in eine unheimliche, düstere Stimmung. Die geschnitzten Kürbisse, flackernden Kerzen und das ein oder andere Skelett unterstreichen das noch.

„Melissa!“, tönt Aarons Stimme hinter uns. „Schön, dich hier zu sehen.“ Küsschen links, Küsschen rechts. Wie ätzend! „Jody.“, lächelt er anschließend und nickt zurückhaltend. „Dass du hier bist, freut mich ganz besonders.“ Dann beugt er sich zu mir, küsst auch mich auf die Wange und ich weiche einen Schritt zurück. Als er sich lächelnd weiteren Gästen zuwendet, reißt Melissa die Augen auf und quietscht.

„Der steht voll auf dich!“

„Ernsthaft?“, ziehe ich genervt die Augenbrauen nach oben. „Ich schenke ihn dir.“

„Ach komm, du Spaßbremse. Ich weiß schon, wie wir dich lockerer kriegen.“ Mit diesen Worten zieht sie mich ins Haus, von wo uns laute Musik entgegenschlägt. Das Gedränge ist der pure Wahnsinn. Einige der anderen Partygäste kenne ich aus der Schule. Hier und da nicke oder winke ich. Viele von ihnen sind mir unbekannt, aber es ist kaum zu übersehen, dass sie vermutlich schon eine Weile hier sind und ihre gute Laune mit gewissen Getränken steigern.

Als Eric wenig später tatsächlich als Disco Queen die Tanzfläche stürmt, reißt er Melissa sofort mit sich und die beiden liefern sich ein Battle, welches durch Klatschen und Johlen der anderen angetrieben wird.

Mitten in diesem Gedränge und der Lautstärke wird mir plötzlich bewusst, dass ich das letzte Mal unter so vielen Menschen war, als meine Mom beerdigt wurde. Die Erkenntnis lässt mich schmerzerfüllt nach Luft schnappen und mir wird plötzlich heiß und kalt zugleich. Mit rasendem Herzen und den Bildern der Trauerfeier vor Augen, kämpfe ich mich durch die grölenden Teenager und habe das Gefühl, jeden Moment zu ersticken.

Ein weißer Sarg.

Schwarze Anzüge.

Blumenkränze.

In meinem Kopf beginnt es sich zu drehen.

Zitternd befreie ich mich endlich aus dem Chaos und stürme zur Haustür hinaus. Auf der Suche nach einem ruhigen Platz laufe ich dreimal ums Haus herum, finde jedoch nichts, pralle immer wieder in irgendwelche kostümierten Gäste und werde immer panischer. Gedankenverloren tragen mich meine Füße über den feuchten Boden, durch das nasse Gras und über jeden Stein, bis mein Körper ganz von selbst läuft. Es ist mir egal! Alles ist mir egal! Ich muss einfach nur weg! Brauche Ruhe! Sauerstoff! Freiheit! Auf meinem Herz und meinen Schultern liegt eine unsichtbare Last, die mich zu erdrücken versucht und mir den Atem raubt. Und gerade als die knisternden und brechenden Zweige unter meinen Füßen mir zu verstehen geben, dass ich in einem Wald gelandet bin, lichtet sich genau dieser und ein Flussbett kommt zum Vorschein. Der Boden ist übersät mit Kieselsteinen und wenigen, großen Felsen, die vom Mond hell erleuchtet sind. Das Wasser rauscht gleichmäßig an ihnen vorbei. Bahnt sich seinen Weg. Hinab in die Freiheit. Die Unendlichkeit.

Ich bleibe stehen und atme tief ein und aus. Die Luft ist hier am Wasser wesentlich kühler und frischer, doch die Kälte fühlt sich gut in meinem Körper an. Endlich spüre ich wieder, wo ich anfange und wo ich ende. Eine Eigenschaft, die mir in den letzten Monaten immer öfter verloren gegangen ist. Vorsichtig trete ich ans Wasser heran, bleibe unter einem riesigen Baum stehen und blicke auf die funkelnde Oberfläche hinab. Der Mond spiegelt sich in ihr und lässt sie weniger bedrohlich und viel mehr mystisch wirken. Ich bücke mich und sammle ein paar Steine auf. Mit der rechten Hand lasse ich einen über die Wasseroberfläche sausen und beobachte die kleinen Wellen, die er schlägt.

„Nicht schlecht. Für ein Mädchen.“, erschreckt mich eine deutlich amüsierte Stimme aus dem Hintergrund und ich fahre herum. Auf dem großen Felsen direkt neben dem Waldstück sitzt ein Junge. Er scheint etwa in meinem Alter zu sein. Sein dunkles Haar ist zerzaust und selbst in der Dunkelheit kann ich erkennen, dass mich seine blauen Augen neugierig anfunkeln.

„Man schleicht sich nicht einfach an jemanden heran.“, gebe ich mehr gewollt als gekonnt mutig zurück. Die Situation ist mir unheimlich – so allein, mitten im Nirgendwo, mit einem geheimnisvollen Typen, der aus dem Nichts auftaucht.

„Ich bin nicht geschlichen. Aber du warst in deine Wurftechniken vertieft.“, grinst er und wirkt dadurch gleich wesentlich sympathischer. In dem Moment fliegt ein kleiner Ast haarscharf an meinem Gesicht vorbei und fällt auf meine Füße. Erschrocken weiche ich zurück und schaue in die Krone des Baumes über mir.

„Hey, Josh! Pass doch auf!“, ruft der Junge auf dem Stein und tatsächlich taucht in diesem Moment zwischen den Zweigen das Gesicht eines kleinen Kindes auf. Der Lockenkopf kichert. „Sorry.“ Erst da sehe ich Reste eines alten Baumhauses zwischen den Ästen.

„Tut mir leid, der Kleine ist immer etwas ungestüm wenn wir hier sind.“, kommt der Felsenjunge auf mich zu und reicht mir die Hand. „Ich bin Corey. Corey Lankford.“

„Jody Peters.“, erwidere ich seine Geste nickend.

„Und, Jody? Was verschlägt dich an einem Abend wie diesem an einen Ort wie jenen? Solltest du nicht auf irgendeiner Party herumspringen? Es ist Halloween!“ Feierlich grinst er mich an und ich kann nichts anderes tun, als sein Lächeln zu erwidern.

„Da komme ich gerade her.“

„Und?“

„Was und?“

„Hat dir die Musik nicht gefallen? Waren die Dips schlecht? Ich mag es auch nicht, wenn sie so nach Knoblauch schmecken und man den ganzen Abend stinkt.“

Ich lache laut auf, weil die Situation mit diesem Fremden an diesem Ort so absurd ist.

„Warum bist du denn auf keiner Party und hängst hier rum mit deinem… Bruder?“

„Er ist nicht mein Bruder. Josh und ich, wir sind Freude. Sozusagen.“, grinst er schelmisch. „Und was die Party angeht – der Abend ist ja noch jung.“

„Ach so.“, nicke ich und lasse ein paar Kieselsteine von einer in die andere Hand rieseln.

„Also, Jody – was treibt dich wirklich in Brookswells dunkelste Ecken?“

„Ich bin mit meinen Freunden auf einer Party gewesen. Aber eigentlich bin ich nicht in Stimmung. Die Musik ist zu laut, die Menschen sind zu viel. Es ist so eng und erdrückend.“, flüstere ich und senke den Blick.

„Die Party oder das, was dich von ihr weggetrieben hat?“ Erschrocken schaue ich zu ihm auf. Seine Stimme klingt nun ernster und sein Blick ist intensiver. Ich kann grüne Sprenkel in seinen dunkelblauen Augen erkennen.

„Meine Mom ist vor fast einem halben Jahr gestorben. Es fühlt sich nicht richtig an, auf eine Party zu gehen und zu lachen oder zu tanzen.“, gestehe ich kleinlaut und realisiere erstmals in diesem Moment den wahren Grund für die Beklemmung in meiner Brust.

„Verstehe.“, lächelt er mich aufmunternd an. „Aber deine Mom hätte sich doch sicher gefreut, wenn du dein Leben in vollen Zügen leben würdest, oder?“

„Da bin ich mir nicht so sicher.“, flüstere ich und Corey vergräbt die Hände in den ausgebeulten Taschen seiner Jeans. „Was lässt dich zweifeln?“

Sofort ist das erdrückende Gefühl in meiner Brust wieder da und das Atmen fällt mir deutlich schwerer. „Ich kam zu spät nach Hause. Sie ist im Badezimmer gestürzt und hat sich den Kopf angeschlagen. Der Sturz hat ein Aneurysma ausgelöst, welches dann geplatzt ist. Wenn ich pünktlich gewesen wäre, hätte ich sie gehört. Und gerettet.“

Ich erwarte, dass er mir sagt, dass alles nicht so schlimm ist. Dass es auf keinen Fall meine Schuld ist. Dass das Leben eben so spielt. Aber Corey sieht mich einfach nur an und flüstert: „Das ist richtig scheiße.“

Mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet und ein unerwartetes, lockerleichtes Lachen prustet aus mir heraus, in das Corey sofort einstimmt.

„Ich glaube, noch nie hat jemand so ehrlich darauf reagiert. Die Leute reden und reden und reden, aber niemand sagt, wie es wirklich ist.“ Wir gehen hinüber zu dem Felsen und setzen uns nebeneinander. Der kleine Junge auf dem Baum macht unterdessen Motorengeräusche, als würde er ein Flugzeug durch die Luft sausen lassen. Er erinnert mich an meinen Bruder Tom und ich lächle.

„Weißt du, Jody, das Leben kann einem manchmal echt übel mitspielen. Aber hast du je überlegt, ob das Ende des Lebens nicht vielleicht sogar ein Anfang sein kann?“

„Was meinst du?“ Ich ziehe die Knie zur Brust und schlinge meine Arme drumherum.

„Es ist nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Wer weiß, was nach dem Tod kommt.“

„Netter Versuch, aber an sowas glaube ich nicht.“

Corey lächelt und rempelt mich an. „Warum denn nicht? Weißt du es etwa besser?“

„Nein.“, gestehe ich grinsend und richte den Blick wieder aufs Wasser. „Aber wenn es sowas wie ein Leben nach dem Tod geben würde, dann müsste es auch sowas wie einen Gott geben und wenn es einen Gott geben würde, dann hätte er meine Mom sicher nicht sterben lassen.“

„Du bist ziemlich kleinlich.“, erwidert Corey und zieht die Nase hoch.

„Bitte?“

„Warum muss alles in so klaren Strukturen verlaufen? Wer sagt dir, dass es genau so sein muss, wie du es dir vorstellst? Es gibt Dinge, von denen habt ihr Menschen keine Ahnung. Man muss etwas nicht unbedingt sehen, um zu wissen, dass es da ist.“

„Wir Menschen?“, kichere ich. „Alles klar, du Neunmalkluger. Für die Zukunft versuche ich etwas aufgeschlossener gegenüber Hokuspokus zu sein.“

„Es würde dir guttun.“ Die grünen Sprenkel in seinen Augen blitzen mich förmlich an und irgendetwas in diesem Blick fasziniert mich, doch wir werden von dem kleinen Jungen unterbrochen, der hektisch vom Baum klettert.

„Corey! Der Nebel!“, ruft er und Corey springt hoch.

„Wir müssen los. Sorry.“ Als er vom Felsen klettert, hieve ich mich ebenfalls hoch. „Hey! Warte!“

Doch da ist er schon in der Dunkelheit verschwunden und nur seine Silhouette zeichnet sich noch vor dem Waldstück im Mondlicht ab.

„Wie heißt deine Mom?“, ruft er plötzlich und ich erstarre.

„Was?“

„Wie ist ihr Name?“ Seine Stimme entfernt sich immer weiter von mir.

„Karen. Karen Peters!“

Stille.

„Corey?“

Doch er ist fort.

Verschwunden.

Und es fühlt sich plötzlich so an, als wäre er überhaupt nicht da gewesen.

 

„Man, diese Dips waren echt so verdammt scharf.“ Wir sitzen seit zehn Minuten im Wagen und haben Brookswell gerade hinter uns gelassen. „Hast du etwas zu trinken?“ In Gedanken wühle ich in meiner Handtasche herum, finde aber nichts.

„Nein. Sorry. Auch dafür, dass wir schon losgefahren sind.“

„Was ist los mit dir? Wo hast du eigentlich den ganzen Abend gesteckt?“

„Ich war ein bisschen frische Luft schnappen und saß dann mit Eric draußen am Lagerfeuer hinterm Haus.“

„Ach so.“, nickt sie und fragt nicht weiter nach. Ich bin ihr dankbar dafür. Ich wüsste sowieso nicht, wie ich diesen Abend und die Geschehnisse am Fluss erklären sollte.

„Ich muss irgendwo ein Wasser haben. Da bin ich mir sicher!“ Melissa beginnt, mit einem Arm auf dem Rücksitz herumzufuchteln und den Blick immer wieder von der Straße abzuwenden. Es ist stockdunkel außerhalb der Stadt, nur die Autoscheinwerfer leuchten uns spärlich den Weg.

„Halt doch einfach kurz an, okay?“, sage ich genervt und zum Glück befolgt sie meinen Rat und fährt den Wagen an den Straßenrand.

Während sie im Kofferraum nach der Flasche sucht und sich lang und breit darüber auslässt, wie furchtbar stark diese Dips gewürzt waren, schließe ich die Augen. Ich habe Kopfschmerzen. Erst Melissas Schrei holt mich aus meinen Gedanken zurück!

„Was? Was ist?“, springe ich aus dem Auto und sehe sie im Graben knien.

„Hier ist einer gestorben. Guck mal!“

Tatsächlich. Ein kleiner, fast unauffälliger Gedenkstein steht im Gras. Und als ich die Inschrift lese, taumele ich benommen zurück:

 

Corey Lankford

  1. Januar 1998 – 24. Oktober 2014

 

Das darf doch nicht wahr sein! Oder doch? Was ist hier eigentlich los?

Auf Melissas Drängen steige ich wieder ein. Die ganze Fahrt über rattern in meinem Kopf die Gedanken wie unzählige Zahnräder aneinander und als Melissa den Wagen vor meiner Haustür parkt, ist mir übel.

„War vielleicht doch etwas viel, hm?“

„Ja, vielleicht.“

„Wir sehen uns morgen. Happy Halloween, Jody.“

Ich versuche, ein Lächeln zustande zu bringen und stolpere ins Haus. Es ist stockdunkel. Ich mache kein Licht an, obwohl mir unheimlich zumute ist und ich fröstele. Erst in meinem Zimmer knipse ich die Nachttischlampe an und lasse mich rücklinks aufs Bett fallen.

„Liebes?“

Mit einem Schrei springe ich hoch.

„MOM!“ Im ersten Moment kann ich nicht fassen, was ich gerade vor mir sehe. Meine Mom sitzt auf der Bettkante. Sie trägt eines ihres heißgeliebten Blumenkleider und lächelt. Sie sieht so normal aus. Beinahe lebendig. Ich muss vollkommen verrückt geworden sein! Oder schlafe ich schon? Was ist bloß los mit mir? Mom muss das Chaos in mir gesehen haben und eilt an meine Seite.

„Schhht! Alles ist gut! Beruhige dich, Jody!“

„Aber… wie kannst du… ich meine…“

„Ich habe nicht viel Zeit. Es ist gleich Mitternacht und das Tor schließt sich. Halloween ist eine Möglichkeit für uns, Teil eurer Welt zu werden. Aber alles ist vergänglich. Hör mir zu: Du trägst keine Schuld an dem, was passiert ist! Der Tod hat einen Plan. Es war Zeit für mich zu gehen. Wäre es so nicht geschehen, dann auf eine andere Art.“

Tränen laufen meine Wangen hinab. Ich zittere am ganzen Körper, während ihre kalten Hände mein Gesicht streicheln.

„Ich liebe dich, Jody. Und ich bin wahnsinnig stolz auf dich! Lebe dieses Leben so lange und so gut du kannst. Versprich es mir! Und ich verspreche dir, dass wir uns wiedersehen werden. Eines Tages.“

„Mom!“, schluchze ich und werfe mich in ihre Arme. „Du fehlst mir so sehr.“

Sie streichelt mir sanft übers Haar und wiegt mich wie früher, als ich noch ein kleines Kind war.

„Du mir auch, mein Schatz. Aber du bist stark. Ich weiß das! Dein Daddy ist es nicht. Er zerbricht, wenn du ihm nicht hilfst. Und Tom – kümmere dich um Tom. Erzähle ihm von mir und wie ich war. Erzähle in den buntesten Farben. Es sind die einzigen Erinnerungen, die er haben wird. Okay, meine Süße?“ Sie küsst mir eine Träne von der Wange. Ihre Lippen sind eisig.

„Ich muss jetzt gehen.“

„Kommst du wieder?“, bettle ich fast und klammere mich an sie. Ich kann sie nicht gehen lassen. Nicht noch einmal.

„Das werde ich.“, lächelt sie sanft. „Dort, wo ich jetzt bin, geht es mir gut. Ich bin nicht alleine. Es ist friedlich. Ruhig. Leicht. Du musst dich nicht sorgen.“ Langsam steht sie auf.

„Geh nicht!“, weine ich und wage es nicht, ihre Hand loszulassen.

„Ich muss. Jeder hat einen Weg, den er gehen muss. Du deinen und ich meinen. Ich liebe dich.“ Und dann breitet sich ein geheimnisvoller Nebel um sie herum aus. Er kriecht ihren Rücken empor, wirbelt das Haar auf und scheint sie Stück für Stück zu verschlingen, bis sie ganz verschwunden ist. Das Letzte, was ich sehe, ist ihr sanftes Lächeln.

Erschöpft sinke ich auf mein Bett und atme hektisch.

Corey. Der Nebel. Der kleine Josh. Der Gedenkstein. Meine Mom. Halloween.

Nichts ist mehr, wie es war. Nichts wird je wieder so sein, wie es gewesen ist. In dieser Nacht schlafe ich mit einem Lächeln ein. Und zum ersten Mal seit vielen Monaten ist der Schlaf ruhig, friedlich und tief. Ähnlich dem Ort, an dem meine Mom jetzt ist.