Buchgeheimnisse: Die Geschichte hinter „Löwenflügel“

Ich freue mich, dass ich bei dem ganzen privaten Chaos hier heute die Gelegenheit habe, einen neuen „Buchgeheimnisse“-Beitrag für euch zu verfassen. Und dafür habe ich mir etwas Besonderes überlegt: Ich erzähle euch die Geschichte HINTER meinem Roman „Löwenflügel“.

Im Dezember 2016 – als zweiten Roman überhaupt – habe ich „Löwenflügel“ veröffentlicht und bis heute ist dieses Buch eines, welches mir wahnsinnig am Herzen liegt. Als Autor steckt man automatisch in jede seiner Geschichten einen Teil von sich selbst. Ob es nun eigene Charakterzüge, Erfahrungen oder Themen sind, die man interessant findet – ein Buch ist immer auf die eine oder andere Art sehr persönlich.

Hinter Löwenflügel steht allerdings eine Geschichte, die es wirklich gegeben hat. Und die mich bis heute tief berührt. Natürlich wurde der Roman aus Datenschutzgründen so angepasst, die Protagonisten wurden so verändert und das Setting so gewählt, dass sich letztlich niemand in seiner Privatsphäre gestört fühlen kann. Aber die Grundzüge und die Idee dahinter, die beruhen auf wahren Ereignissen und ich habe sie selbst erlebt.

Es war ungefähr am Ende meiner Abitur- und Schulzeit, als mir „mein Leo“ begegnete. Wir waren beide wahnsinnig jung und in dieser typischen Sturm- und Drangzeit, in der man als junger Mensch gar nicht so richtig weiß, wohin man gehört. Ich lernte meinen Leo über ein paar gute Freunde kennen. Er war ein stiller Außenseiter. Unsere ersten Zusammentreffen waren allerdings weniger feindselig, wie die von Leo und Maya im Buch. Viel mehr war ich neugierig auf diesen Menschen, der immer im Hintergrund agierte, so schüchtern lächeln konnte und immer furchtbar nervös wirkte. Er sprach mit niemandem, außer einem scheinbar guten Freund. Er wirkte so fehl am Platz und irgendwie gleichzeitig auch so, als gehöre er genau dorthin. Ich mag Menschen, die nicht in das 0-8-15 Bild der Gesellschaft passen und hatte deshalb keine Schwierigkeiten, auf ihn zuzugehen. Sicher war ich nicht ganz so quirlig wie Maya, aber mindestens genauso gutmütig. 😉 11,5 Jahre später – heute – würde ich sagen, dass er mich sicher ziemlich unheimlich fand. Dieses Mädchen, was ihn ständig anquatschte und in Gespräche verwickelte. Es war zudem die Zeit von ICQ – erinnert ihr euch? 😀 Ich besorgte mir seine ICQ-Nummer und schrieb ihn einfach mutig an. Dabei stellte ich fest, dass es ihm offensichtlich viel leichter fiel, mit mir zu schreiben als mit mir zu reden. Warum? Das wusste ich damals noch nicht aber es sollte sich bald ändern.

Sahen wir uns innerhalb unseres Freundeskreises persönlich, fiel mir schnell auf, dass mein Leo (der natürlich einen anderen Namen hatte) so ganz anders als die anderen war. Er zog sich aus gemeinsamen Aktivitäten immer wieder zurück und nahm er doch daran teil, wirkte er unheimlich nervös und haltlos. In einem Chatgespräch gestand er mir sein Problem – die soziale Phobie. Ich hatte vorher nie davon gehört, kannte diese Bezeichnung nicht und konnte gleichzeitig trotzdem wahnsinnig gut nachempfinden, welche Schwierigkeiten er im Leben haben muss. Nachdem er sich mir einmal geöffnet hatte, wurde unsere Freundschaft sehr intensiv. Stundenlange Chatgespräche, nächtelange Telefonate, SMS, Treffen… wir wuchsen zu einer untrennbaren Einheit zusammen. Als würde uns dieses Geheimnis über seine Erkrankung verbinden. Ich setzte alles daran, ihn zu beschützen, nahm ihm viele Aufgaben des Alltags und des Lebens ab und hatte keinerlei Ahnung, dass ich ihm damit mehr schade als helfe.

So wie Maya dem Leo im Buch:

Letztlich wurde die Situation für ihn so schwierig, dass seine Eltern eingriffen. Es waren Drogen im Spiel. Schulabbrüche. Ausbildungsabbrüche. Nichts ging mehr. Und mein Leo wurde in eine Klinik geschickt. Ich erinnere mich, dass die erste Klinik wenig brachte. Wir telefonierten immer noch sehr viel, schrieben Briefe und redeten die ganze Nacht. Ich habe vorher und nachher nie wieder einen Menschen getroffen, mit dem mich solch ein intensives Band verbunden hat. Mein Leo war unheimlich intensiv. Ich glaube, dass ihn seine Erkrankung – die ihn sicher auf die eine Art furchtbar quälte – auf eine ganz andere Art auch sehr besonders machen konnte. Er war so empathisch, tiefgründig und loyal. Bis heute bewegt mich das sehr.

Im Gegensatz zum Buch durchlebte ich mit meinem Leo einige Klinikaufenthalte. Mal halfen sie kurzzeitig, mal gar nicht. Dass das Grundproblem in unserer Freundschaft lag, die ihn davor bremste, sich weiterzuentwickeln und loszulassen, verstanden wir beide damals nicht. Vielleicht waren wir zu jung. Vielleicht wollten wir es nicht verstehen. Letztlich führte diese enge Verbindung dazu, dass wir uns verloren haben. Bis heute weiß ich nicht genau, was mit meinem Leo geschah. Aber ich vermute, dass er eine Wahl treffen musste – ein freies Leben oder ein Leben an meiner Seite, bei dem er sich nicht entfalten konnte; nicht nach vorne gehen konnte weil ich ihn einfach immer nur beschützte. Und er traf seine Wahl. Für mich war sie furchtbar schmerzhaft…

Viele Jahre später sahen wir uns noch einmal wieder. Aber das Leben geht weiter, Menschen entwickeln sich weiter, verändern sich – leben! Und wir mussten beide schnell feststellen, dass die Geister der Vegangenheit nicht verschwinden, aber auch nicht für immer über unser Leben bestimmen können. So sehr wir es auch versuchten – wir fanden nie wieder zueinander. Und so trennten sich unsere Wege erneut.

Ich weiß, dass er immer mit seiner Erkrankung leben muss. Dass er nie gesund sein wird. Dass das Leben immer eine Herausforderung für ihn ist. Aber ich weiß heute auch, dass er die braucht. Egal wie sehr wir jemanden lieben – es ist nicht immer gut, ihn vor allem und jedem zu beschützen. Manchmal brauchen wir jeden Stolperstein des Lebens, um zu lernen, wie man über ihn drübersteigt und um zu fühlen, dass man ihn überlebt.

Ich habe es vor 11,5 Jahren zu gut gemeint und nicht so weit gedacht. Ich dachte, man hilft einem Menschen, wenn man ihn vor allem bewahrt. Aber so ist es nicht. Jeder Mensch muss seinen Weg alleine gehen. Man kann ihn begleiten, aber niemals die Schritte für ihn übernehmen…


Wenn ihr jetzt neugierig auf die Geschichte „Löwenflügel“ seid, die so viele persönliche Erfahrungen und Gedanken von mir beinhaltet, könnt ihr euch das Buch als eBook oder Taschenbuch bestellen. 🙂 HIER ENTLANG!