Projektauszug „Der Hauch des Lebens“

Bei aller Aufregung, die nun nach dem Ende des ersten Teils in Brookswell herrscht, erlebt Hannah aber auch die typischen und zum Teil wirklich schwierigen Phasen des Teenagerlebens, wie z.B. diese hier. Und mal ehrlich: Wer kennt so eine Situation nicht? 😉

 

Viel Spaß beim ersten kleinen Projektauszug zum zweiten Teil der SeelenMeer-Trilogie.

 


[…]

Kendra.
„Was ist?“, forme ich mit den Lippen und flüstere dabei so leise es geht.
Sie versucht irgendwas zurückzuflüstern, doch ich verstehe nur Bahnhof und zucke mit den Schultern.
Mr. Sullivan steht an der Tafel und versucht gerade ein Anschauungsbild zur Fotosynthese zu zeichnen. Wir sollen eigentlich einen Beitrag im Buch dazu lesen und uns Notizen machen.
Als Kendra erneut ansetzen will, dreht Mr. Sullivan sich um und ich tue innerhalb von Sekunden ganz konzentriert, während die Buchstaben vor meinen Augen lediglich flimmern. Kaum hat er uns wieder den Rücken zugekehrt, drehe ich mich wieder nach hinten um.
„Der Zettel! Du sollst den Zettel lesen!“, flüstert sie nun und ihre vollen Wangen plustern sich aufgeregt dabei auf. Ich kann sie jetzt ganz gut verstehen. Der Rest der Klasse leider auch.
Mein Blick gleitet suchend über den Fußboden, doch einen Zettel kann ich nicht finden. Kendra versucht mich zu leiten, denn scheinbar sieht sie ihn aus ihrer Perspektive besser als ich. Da ich sie aber so schlecht verstehen kann, benötigt sie mehrere Anläufe, um mich in die richtige Richtung zu lotsen. Endlich sehe ich ein kleines, weißes Kügelchen, beuge mich runter und hebe es auf. Doch es ist leer. Mit hochgezogenen Augenbrauen zeige ich Kendra den Zettel und sie flüstert doch tatsächlich: „Der Andere!“
Ich glaub ich spinne.
Erneut begebe ich mich auf die Suche und im Klassenraum wird es langsam immer unruhiger. Kein Wunder. An Tracy Stuarts Rucksack sehe ich ihn endlich liegen. Er blitzt direkt hinter einem Träger hervor. Um keinen weiteren Lärm zu verursachen, lehne ich mich auf meinem Stuhl so weit wie möglich nach rechts, stütze mich mit dem Arm auf dem Fußboden ab und fische mit der anderen Hand nach dem Papierknäuel. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie akrobatisch diese Übung aussieht.
Kendra klatscht vergnügt in die Hände und so gut ich es aus dieser Position kann, werfe ich ihr einen bösen Blick zu und hoffe, dass sie die Worte dahinter aus meinen Augen ablesen kann.
Ich habe den Zettel fast erreicht, als mein Stuhl natürlich – wie sollte es anders sein – auf dem Fußboden den Halt verliert, zur Seite rutscht und ich lautstark auf den Boden knalle. Die Klasse grölt vor Lachen und es dauert keine zwei Sekunden, bis Mr. Sullivan vor mir steht und mich skeptisch ansieht.
„Ms. Flynn, sagen Sie uns doch, was es dort unten so Interessantes zu sehen gibt!“, fordert er mich auf. Ich werfe einen Blick auf den Zettel, der jetzt gut sichtbar und nur wenige Zentimeter von seinen Füßen entfernt liegt. Ich habe also zwei Möglichkeiten: Entweder den Zettel ignorieren und mir Kendras Gejammere anhören, oder ihn in Lichtgeschwindigkeit greifen und dabei riskieren, erwischt zu werden. Mein fragender Blick in Kendras Richtung gibt mir die Antwort.
„Mach schon!“, formt sie lautlos mit den Lippen und natürlich fische ich nach dem Zettel. Aber weder in Lichtgeschwindigkeit, noch auf andere übernatürliche Art und Weise. Und so hat Mr. Sullivan genügend Zeit, sich vor mich hinzuhocken und die Hand aufzuhalten.
Verdammt.
„Ich glaube, das könnte für uns alle spannend werden.“
„Hören Sie, es tut mir leid, ich…“, versuche ich die Situation mit ein wenig letzter Hoffnung zu retten.
„Den Zettel bitte.“
Frustriert lege ich ihn in seine Hand und spüre Kendras tödlichen Blick. Was hat sie erwartet? Das ich mit dem Ding aus dem Fenster springe und fluchtartig das Land verlasse?

[…]

 


Teil 1 „Das Funkeln der Nacht“ noch nicht gelesen?
Dann ganz flott nachholen. HIER GEHTS LANG!