Leseprobe „Vom Mut, das Morgen zu ändern“

Kapitel 7

 

„Zoey, Post für dich.“, rief es aus dem Erdgeschoss zu ihr hinauf.

Da war aber einer schnell, dachte sie sich, stellte die Talkshow im Fernseher ab, durch die sie sich die ganze Zeit berieseln ließ, krabbelte aus dem Bett und lief nach unten. Noch immer trug sie einen ihrer alten, schlabberigen Schlafanzüge, der definitiv schon bessere Zeiten gesehen hatte und ihrer Mutter einen abschätzenden Blick entlockte.

„Schau mal!“, sagte Christa Flemming aufgeregt und wedelte Zoey mit dem A4-Umschlag entgegen. „Das könnte doch von einer Bewerbung sein. Vielleicht ein Einladungsschreiben zum Vorstellungsgespräch? Das würde ja auch langsam mal Zeit werden. Du bist doch kein Dummchen, wieso solltest du keine Arbeit finden?“ Sie schüttelte mit dem Kopf, als würde sie ihre eigene Ungläubigkeit damit noch einmal bestätigen.

Zoey hatte ihr verschwiegen, dass sie sich auf keine der ausgewählten Stellenausschreibungen bisher beworben hatte. Deshalb reagierte sie vorsichtshalber gar nicht darauf und nahm den Umschlag wortlos entgegen.

„Da steht doch nicht mal eine ganze Adresse drauf und die Briefmarke fehlt auch. Der kam nicht mit der Post.“, versuchte sie ihre Mutter gleich von deren trostlosen Hoffnungen abzubringen und riss das Kuvert auf. Zum Vorschein kamen zwei Zettel, beide mit Hand beschrieben, aber offensichtlich mit unterschiedlichen Handschriften. Auch sah ein Papier davon wesentlich älter und bereits vergilbt aus.

 

Ich habe gewonnen. Wir sehen uns heute Nachmittag, 15 Uhr im Café Burgallee, bring genügend Geld mit, ich hab Hunger.

Malte

 

Ein lächelnder Smiley verzierte Malte’s Brief. Zoey schob ihn schmunzelnd hinter den zweiten Zettel und musste einen Moment lang schlucken.

„Was ist es denn nun?“, beugte sich Christa neugierig zu ihrer Tochter hinüber und versuchte einen Blick auf das Papier zu erhaschen. Doch Zoey war schneller und presste es abwehrend an ihre Brust.

„Ach, ist nicht so wichtig. Danke, dass du mich gerufen hast.“ In Gedanken versunken steuerte sie wieder ihr Zimmer an. Ihr kleines Heiligtum, ihre Höhle zum Schutz vor der Welt. Mit der geschlossenen Tür im Rücken ließ sie sich aufs Bett fallen und starrte auf den Zettel in ihrer Hand.

Ihre Liste.

Unglaublich. Dieses Blatt war fast 18 Jahre alt. Da überkam sie beinahe ein nostalgisches Gefühl. Zumindest aber ein bisschen Wehmut. Damals hatte sie noch das ganze Leben vor sich, war jung, unerfahren, frisch und voller Tatendrang. Sie hatte sie kurz vor dem Schulabschluss geschrieben. Kurz, bevor sie Nicolas kennenlernte. Damals war sie noch völlig planlos, wohin ihre Reise gehen würde und gleichzeitig offen für die ganze Welt. Wenn sie sich jetzt mit 35 Jahren betrachtete und die letzten Jahre Revue passieren ließ, fragte sie sich, wo diese junge, lebendige Frau eigentlich hingegangen war? Was war aus all diesen Träumen geworden? Wie konnte aus ihr ein Mensch werden, der sich von einem Anderen demütigen ließ? Wovor hatte sie denn solche Angst?

Zoey’s Gedanken rasten und doch konnte sie den Blick nicht von der Liste abwenden. Diese Liste. Das war einmal sie selbst gewesen. Diese Worte waren ihre Sehnsüchte und Hoffnungen und ein Stück ihrer Zukunft. Auf diesem Blatt Papier stand, wer sie einst sein wollte und wen sie in all den Jahren verloren hatte.

 

Stresa, 14. September 1998

 

Was ich in meinem Leben unbedingt mal machen möchte – von Zoey Flemming

 

– whale watching (vom Boot aus)

– unterm Sternenhimmel schlafen

– in einer Karaokebar singen

– einen eigenen Hund haben (bloß keine Fußhupe)

– richtig kochen lernen

– Traumjob finden

– ein Lagerfeuer am Strand mit Gitarre und solchem Zeug

– ein Buch schreiben, wenns geht ein Bestseller

– eine Nacht komplett durchfeiern

– aus Deutschland wegziehen

– mehr Sport machen (vielleicht joggen?)

– zeichnen lernen

– Polarlichter live sehen

– die große Liebe treffen

– einen Tauchkurs besuchen

– heimlich auf einen Leuchtturm klettern

– einen Job kündigen, der doof ist

– auf Malte’s Hochzeit tanzen und den schwulen Männern den Kopf verdrehn

– bei ‚Internat am See‘ mitspielen

– ein Cottage kaufen (wenns geht am Meer)

– mich von Dingen trennen, die mich unglücklich machen

– einen Bungee-Sprung

 

Zoey ließ das Blatt Papier sinken und sackte in sich zusammen.

Das war sie also. Ihre Liste. So hatte sie sich ihr Leben fast 18 Jahre zuvor vorgestellt. Diese Dinge wollte sie erreichen, erleben, spüren, lernen und erfahren. Und was hatte sie davon bisher geschafft? Sie konnte ein paar Nudeln kochen. Wahnsinn. Das konnte ja mittlerweile jeder Zehnjährige. Immerhin hatte sie schon mal einen Job gekündigt und zwar den in Krahnstede, um mit Nicolas nach Frankfurt zu gehen, nur um dort wieder so einen blöden Bürojob anzunehmen und dann auch noch gekündigt zu werden. Dabei machte ihr diese trockene Buchhaltung doch sowieso keinen Spaß. Wieso hatte sie selbst eigentlich nicht entschieden, dass es nicht der richtige Beruf für sie war und sich wieder mehr um ihre eigentliche Berufung gekümmert? Schon immer wollte sie eigentlich etwas mit Kindern machen und ihnen helfen, sich zu kleinen, eigenständigen Persönlichkeiten zu entwickeln. Sie träumte von abenteuerlichen Ferienbegleitungen in Ferienlagern, Bastelstunden mit Kindergartenkindern oder kichernden, rundlichen Babybäuchen in Krabbelgruppen. Wie konnte sie sowohl in Krahnstede als auch in Frankfurt einfach in einem langweiligen Büro landen und tagtäglich die gleichen Zettel von A nach B räumen? Wieso hatte sie sich nicht etwas anderes gesucht? Etwas, das mehr zu ihr passte? Na gut, insgeheim wusste sie warum. Da gab es jemanden, der hinter solch einer Entscheidung niemals gestanden hätte. Kurz nachdem sie Nicolas kennenlernte, begann sie ihre Ausbildung zur Erzieherin und schloss diese mit perfekten Noten ab. Doch anschließend fand sie einfach keinen Job in diesem Bereich in Krahnstede und Nicolas war sowieso der Meinung, dass eine Bürotätigkeit viel seriöser wirkte, als den ganzen Tag mit sabbernden Kindern über den Fußboden zu robben. Nun, nach all den Jahren, tauchte tatsächliche ein Funken Reue auf, dass sie sich nicht durchgesetzt hatte. Hätte sie es wenigstens versucht, dann hätte sie jetzt zumindest ein kleines Häkchen auf diese trostlose, traurige Liste ihrer Vergangenheit setzen können.

Bis vor wenigen Wochen wäre sie wahrscheinlich noch so naiv gewesen zu behaupten, dass ihr die große Liebe zumindest schon begegnet war. Aber wenn sie es gewesen wäre, würde sie wohl nun nicht in ihrem Jugendzimmer, auf einem Bett voller Kuscheltiere und mit den Postern der Backstreetboys an den Wänden sitzen und Trübsal blasen. Selbst sie musste sich langsam eingestehen, dass sie eine ganze Menge ihres bisherigen Lebens verplempert hatte. Einfach so. Aus dem Fenster geworfen, als hätte sie zig Leben, die sie leben könnte.

Warum hatte sie nie etwas riskiert? Ein bisschen Nervenkitzel, vielleicht in Form eines Fallschirmsprungs oder einer Klettertour im Grand Canyon? Vermutlich, weil Nicolas es für wahnsinnig und sinnlos gehalten hätte und was Nicolas sagte, war nun einmal Gesetz. Dumme, rosarote Brille. Jetzt kam sie sich plötzlich so dumm vor. Ja, sie konnte auf einmal erkennen, dass die meisten Entscheidungen ihres Lebens von Nicolas Meinert und dessen Meinung bestimmt gewesen waren. Es ging nie wirklich darum, was ihr gefallen könnte oder ob es ihr überhaupt gefallen würde. Nein, der wichtigste Punkt war, dass Nicolas sich damit arrangieren konnte, es zu seinem Ansehen passte und sie ihn nicht blamierte, wie er ihr fast täglich predigte.

Wie konnte sie im Laufe der Jahre so blind werden und sich selbst so sehr aus den Augen verlieren? Wie war das möglich?

Als sich ihr Blick gedankenverloren hob, sah sie sich selbst in dem schmalen Wellenspiegel der gegenüberliegenden Wand auf dem Bett sitzen und erstarrte. Das blonde Haar viel zu dunkel, zerzaust und ungepflegt strähnig, die Haut übersät mit kleinen roten Punkten, dunkle Schatten unter den Augen, rissige Lippen und dazu dieser schmuddelige Schlafanzug. Sah so etwa das blühende Leben aus?

Die Erkenntnis traf sie heftig, schmerzhaft und auch ein bisschen gehässig. Ohne darüber nachzudenken sprang Zoey auf und kramte unter dem Wäschehaufen, den sie seit einer Woche nicht schaffte zu waschen, nach ihrem Handy. Wo war das verdammte Ding nur? Mensch, sie musste wirklich wieder mehr Ordnung halten und ein bisschen strukturierter werden. Das war ja kaum auszuhalten. Alte Socken und dreckige T-Shirts flogen im hohen Bogen um sie herum, bis sie in einer alten Jogginghose inmitten des Haufens auf ihr Mobiltelefon stieß. Es war aus. Akku leer. Na ganz toll.

Nachdem sie realisiert hatte, dass Nicolas sich wohl nicht mehr melden würde und sie entschied, dass ein Leben ohne Kontakt zur Außenwelt die bessere Alternative war, musste sie das verdammte Ding einfach in der Hose gelassen haben.

Na gut, Ruhe bewahren, wo hast du das Ladekabel versteckt?, versuchte sie sich zu beruhigen und einen klaren Kopf zu kriegen. Erschreckenderweise konnte sie sich gar nicht daran erinnern, es in Krahnstede schon einmal benutzt zu haben. Ob es noch im Koffer lag? Nein, der war tatsächlich ausgeräumt. Immerhin. Aber wo konnte es dann sein?

„Mama? Hast du mein Handyladekabel gesehen?“, rief sie aus der offenen Tür die Treppe hinunter.

„Ihr mit eurem neumodischen Zeug. Wenn du nicht selbst drauf aufpassen kannst, wie soll ich dann wissen, wo das liegt? Bist du nicht langsam alt genug, um deine Sachen im Blick zu behalten? Aber unordentlich warst du ja schon immer.“

Okay, vielen Dank für deine Hilfe, dachte sie und knallte die Tür wieder zu. Ihre Mutter war auch so ein Mensch, der ihr immer einen Strich durch die Rechnung machte. Genau wie Nicolas.

Ja, sie erinnerte sich noch gut, als sie vor einigen Jahren endlich den Mut fand, sich ihr erstes, schönes und vor allem eigenes Kleid zu kaufen. Man kannte eine Zoey Flemming nicht in Kleidern, außer vielleicht beim Abschlussball oder sonstigen seriösen Veranstaltungen. Das war unpraktisch und sie fühlte sich darin nicht wohl. Aber Nicolas stichelte ständig, sie solle sich doch mal eines gönnen, das gehöre sich als Frau an seiner Seite nun mal und so zog sie wirklich los und kaufte ein knielanges, legeres, dunkelblaues Kleid mit kurzen Ärmeln und einem Herz-Ausschnitt. Bei ihrem nächsten Heimatbesuch präsentierte sie es stolz ihren Eltern. Eigentlich war sie für sowas viel zu alt, aber dieser Wunsch, es gerade ihrer Mutter immer recht machen zu wollen, brodelte unaufhörlich seit ihrer Kindheit unter der Oberfläche. Das geschah unbewusst und ganz automatisch. Ja, es gehörte beinahe dazu, dass sie sich gedanklich bei jeder Entscheidung ihres Lebens immer wieder fragte: Was würde Mama dazu sagen? Fand sie das auch gut? War es richtig? Natürlich direkt bevor oder kurz nachdem sie sich fragte, was Nicolas davon halten könnte.

Mit dem Wissen, dass gerade ihr äußeres Erscheinungsbild stets ein heikles Thema war, stand sie damals mit flauem Magen vor dem abschätzenden Blick ihrer Mutter. Für einen kurzen Moment hatte sie tatsächlich einen Funken Hoffnung, dass sie etwas Positives sagen würde. Doch als sich ihr Mund öffnete, wurde Zoey nicht nur flau, sondern richtig übel.

„Was hast du denn da an? Du weißt schon, das dieser Schnitt deine kräftigen Waden extrem betont? Vielleicht magst du das ja, dann bitte, aber ich an deiner Stelle würde mir noch mal Gedanken darüber machen. Weißt du Schatz, dicke Menschen müssen sich einfach entsprechend kleiden. Das hat ja auch etwas mit Ästhetik zutun.“

BÄHM!

Dieser verbale Schlag hatte gesessen. Danach trug sie nie wieder ein Kleid, abgesehen von dem, dass sie sich für den Verlobungstag-Abend mit Nicolas gekauft hatte oder wenn sie sich dazu gezwungen sah. Und wie das ausgegangen war, benötigte auch keiner weiteren Worte.

Von ihrer Wut gepackt ließ Zoey einen Moment die Suche nach dem Kabel links liegen, marschierte zum Schreibtisch, nahm einen Kugelschreiber und fügte ihrer 18 Jahre alten Wunschliste hinzu:

 

– mehr Kleider anziehen (geht auch, wenn man dick ist!!!)

 

Die Ausrufezeichen malte sie mit solch einer Wut, dass das Papier an diesen Stellen Risse bekam. Anschließend nahm sie die Mission Ladekabel wieder auf und fand es tatsächlich zusammengeknüllt neben ihrem Bett. Sobald das ladende Akkuzeichen auf dem Display erschien, startete sie das Mobiltelefon, gab ihre PIN ein und suchte mit zitternden Händen nach seiner Nummer.

Während das Freizeichen in der Leitung ertönte, setzte sie sich völlig außer Atem aufs Bett. So viel Bewegung und Aufregung hatte sie seit langem nicht mehr gespürt. Das Herz drohte ihr in der Brust zu zerspringen.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit nahm er ab.

„Thoms?“

„Malte, hier ist Zoey. Wir müssen uns sofort treffen.“

„Sofort? Warte mal, sind wir nicht sowieso für 15 Uhr verabredet? Du musst einen ausgeben, das weißt du hoffentlich schon.“, lachte er am anderen Ende der Leitung.

„Ja, aber ich kann nicht warten. Es muss sofort sein. Jetzt. Bitte. Kannst du irgendwie früher gehen? Ich flehe dich an.“

Schlagartig wurde seine Stimme ernster. „Ist etwas passiert?“

„Ja!“, schluchzte Zoey nun in den Hörer, kaum noch in der Lage, die Fassung zu wahren.

„Oh Gott, was ist denn los? Zoey, was ist mit dir?“

Es kostete sie all ihre letzte Kraft, diesen Satz zu formen und auszusprechen. Doch er musste raus und die Last ein wenig von ihren Schultern weichen.

„Ich hab mich verloren!“, weinte sie ins Telefon, ließ sich rücklinks aufs Bett fallen, schloss die Augen und gab sich ganz ihrer Verzweiflung hin.

 

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