Leseprobe SeelenMeer 3 – Newsletterabonnenten

— Auszug aus Kapitel 17 —

[…]

„Junge, du musst Ruhe bewahren!“, legt ihm Sheriff Maloney eine Hand auf die Schulter und versucht Blickkontakt zu seinem Sohn herzustellen. Dieser scheint jedoch völlig durcheinander zu sein und seine Augen bewegen sich unruhig von links nach rechts und wieder zurück, als jage er nicht greifbare Gedanken in seinem Kopf.
„Geh zurück zum Unterricht. Verhalte dich normal. Wir reden später darüber!“
Max nickt und sein Vater klopft ihm einmal unbeholfen auf den Rücken, bevor er den Jungen den Gang hinunterschickt. Dann vergräbt er seine Hände in den Hosentaschen und wippt von den Fußspitzen auf die Fersen.
Vor, zurück.
Vor, zurück.
Vor, zurück.
Plötzlich verzieht sich sein Gesicht zu einer grinsenden Grimasse und sowohl Matt, als auch ich hören die knirschend-knackenden Geräusche der Schattenwesen aus dem Hintergrund immer näher kommen.
„Was…“, will ich entsetzt loslegen, als Matt mir seine Hand vor den Mund presst und mich eindringlich anstarrt. Gerade als die ersten Schatten links und rechts von Sheriff Maloney auftauchen, verschwindet sein Grinsen und sein Blick schießt in unsere Richtung.
„Lauf!“, flüstert Matt mir so laut es geht zu und wir öffnen die Tür zum Materialraum, huschen so leise es geht hinein und sehen uns verzweifelt um.
„Das ist eine Falle! Hier ist keine andere Tür, wir kommen hier nicht raus!“ Panik steigt auf und ich beginne hektisch zu Atmen und nach Sauerstoff zu ringen.
„Beruhige dich! Da drüben, der Schrank!“, Matt nimmt meine Hand und zieht mich zu einem großen Wandschrank.
Gleichzeitig sind die Schritte vor der Tür laut und schwer. Sie kommen näher, doch sie beeilen sich nicht. Im Gegenteil. Sie sind langsam, ganz langsam und könnten dabei nicht bedrohlicher wirken.
„In den Schrank! Los!“, fordert Matt und schiebt mich zwischen Lösemittel, Farbeimer und lose Bettlaken, bevor er selbst hinterher klettert und die Schranktüren gerade noch so zuziehen kann. Exakt in dieser Sekunde öffnet sich die Tür des Raumes und der Sheriff kommt herein. Matt und ich kämpfen um die beste Sicht durch den Spalt zwischen den Schranktüren, dabei wollen wir in Wirklichkeit gar nicht sehen, was uns gleich erwarten wird. Und der Anblick ist auch alles andere als schön. Begleitet von zahllosen Schattenwesen, läuft Sheriff Maloney langsam durch den großen Kunstraum. Sie umgeben ihn wie einen schützenden Mantel. Mehrere kriechen an der Decke, einige von ihnen hängen halb hinunter und scheinen regelrecht nach dem Leben zu wittern. Andere folgen ihm dicht auf den Fersen, umkreisen ihn, kleben am Fußboden oder richten sich mit ihren schmierigen Geräuschen gerade zu voller Größe auf. Der Anblick ist schockierend und mir wird furchtbar schlecht. Vor allem, weil ich in diesem Moment realisiere, dass wir hier wirklich nicht mehr rauskommen werden. Und damit bin ich nicht alleine.
Nachdem Maloney unter jede Anrichte und in jede Ecke geschaut hat, fällt ihm der schwere Eichenholzschrank ins Auge und das Grinsen – selbstgefällig und erschütternd – kehrt auf sein Gesicht zurück.
Mit gesenktem Kopf und tiefschwarzen Augen steuert er auf den Wandschrank zu. Matt legt einen Arm um mich und sein Griff ist so fest, dass er beinahe schmerzt, doch ich bin nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen. Ich zittere am ganzen Körper, obwohl ich kitzelnde Schweißtropfen auf meiner Stirn spüren kann. In meinem Magen sticht und kneift es und meine Knie werden so weich, dass ich mich an Matt festhalten muss, damit ich nicht umfalle.
Das war es jetzt.
Wir haben keine Chance.
Der Sheriff und diese Masse an Schattenwesen werden uns töten. Sie werden uns das Leben aussaugen und uns in erbärmlichen Zuständen zurücklassen.
Tränen laufen über mein Gesicht und ich suche Matts Augen, doch sein Blick heftet an den Geschehnissen im Kunstraum. Dennoch kann ich auch in ihnen den Schock und das Entsetzen über das, was uns unweigerlichen in wenigen Sekunden erwarten wird, erkennen.
Als der Sheriff nun direkt vor den Schranktüren steht, starre ich ihm fest entschlossen entgegen und könnte schwören, dass auch er mich erkennt und mir direkt in die Augen sieht. Ich bin nicht gewillt, kampflos aufzugeben. Nicht, nach allem, was wir bereits geschafft und erreicht haben. Es lohnt sich, für das Leben zu kämpfen.

[…]