Leseprobe „Der Hauch des Lebens“

Auszug aus Kapitel 6

[…]

Der abgeteilte Westflügel könnte auch einen Schauplatz im nächsten Hollywood-Horrorstreifen übernehmen. Die Elektrik in diesem Teil des Gebäudes funktioniert derzeit nicht. Es ist dunkel, riecht muffig und feucht und hinter den Folien vermutet man ständig irgendwelche Schatten, da sie durch die angekippten Fenster im lauen Wind wackeln und dabei knisternde Geräusche von sich geben.

Mir wird ein bisschen mulmig im Magen und ich frage mich, ob die verbotene Abkürzung wirklich so eine gute Idee gewesen ist. Als eine der großen Folien plötzlich hinter mir knisternd Falten schlägt und sich dann im Wind regelrecht windet, halte ich für ein paar Sekunden die Luft an und bleibe stehen. Angespannt lausche ich den übrigen Geräuschen in diesem Schulteil.

Es ist totenstill. Nur ein Knacken und Knirschen hier und da. Ich atme aus und puste mir damit eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dieser Weg war definitiv nicht meine beste Idee. Also nehme ich die Beine in die Hand und renne die Stufen nach oben. Immer zwei auf einmal nehmend.

Doch halt – war da nicht gerade ein Geräusch?

Hinter mir im Gang?

Kein Knistern. Kein Luftzug.

Etwas anderes.

Es klang beinahe wie eine Stimme. Zart und weit entfernt, als kämpfe sie sich nur mühsam durch die unendliche Stille bis an die Oberfläche.

Ich halte in meiner Bewegung inne und stehe mucksmäuschenstill mitten auf der Treppe. Nicht mal zu atmen traue ich mich, weil das zu laut wäre.

Da!

Da war es wieder!

Definitiv eine Stimme, aber viel zu dünn, als dass ich etwas hätte verstehen können. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie von einer Frau oder einem Mann stammt.

Einen Moment überlege ich, ob ich sie nicht einfach ignorieren soll. Doch dazu bin ich viel zu neugierig und laufe spontan jede Stufe wieder hinunter, bis ich mich erneut zwischen den gruseligen Folien wiederfinde.

Ich folge der Stimme, die mich einen Gang tiefer in den Westflügel hineinleitet. Dachte ich erst, dass sie aus einem der Gänge kam, muss ich jetzt feststellen, dass das nicht sein kann. Denn die Gänge sind leer.

Dunkel, kalt und leer.

Durch die abgeklebten Fenster fallen hier nur ein paar schwache Lichtstrahlen und bahnen sich ihren Weg durch die Dunkelheit. In ihrem Schein kann ich die Staubkörner tanzen sehen.

Je tiefer ich in den Flügel vordringe, umso deutlicher wird die merkwürdige Stimme. Mittlerweile bin ich mir auch sicher, dass sie einer Frau gehört. Auch wenn sie ziemlich kratzig klingt.

Vermutlich ist die Person hinter einer der geschlossenen Türen, die zu den leerstehenden Klassenzimmern führen.

Sofort habe ich die grauhaarige Lehrerin Mrs. Miller im Kopf. Wir nennen sie auch den Schülerschreck. Begegnet man ihr auf den Schulfluren, trägt sie den Kopf meist gesenkt. Sie grüßt nicht. Dafür ist sie sich zu schade. Und hebt sie ihren Blick doch einmal, treffen uns eiskalte, wässrige Augen, die uns das Blut in den Adern gefrieren lassen können. Sie hier an diesem Ort zu treffen, ist nicht unbedingt meine erste Wahl. Allerdings frage ich mich auch, was sie hier zu suchen hätte.

Und wenn sie es gar nicht ist?

Vielleicht ist es auch eine Schülerin?

Ja, es könnte doch jemand gestürzt sein und Hilfe benötigen. Hier würde man ihn ewig nicht finden, weil offiziell einfach niemand in diesem Schulteil unterwegs ist und die Renovierungsarbeiten aus finanziellen Gründen seit Weihnachten sogar auf Eis liegen.

An jeder Tür, die ich passiere, lausche ich einen Moment und wenn ich feststelle, dass sie die Antwort auf meine Neugierde nicht hinter sich verbirgt, schleiche ich weiter.

Umso tiefer ich vordringe, umso lauter wird die Stimme und ganz am Ende des Ganges, in dem großen Chemielabor, scheine ich endlich fündig zu werden.

Ganz leise schleiche ich auf die große Holztür zu, die im oberen Bereich mittig ein kleines Sichtfenster hat, für das ich aber zu klein bin. Allerdings bin ich jetzt so nah, dass ich sogar einige Wortfetzen verstehen kann, doch sie ergeben keinen Sinn und ich kann keine Zusammenhänge daraus bilden.

„… nicht machen…!“

„… Ruhe… soll… du mir….“

„… ich… aufhören…“

Doch jetzt, ganz nah vor der Tür, fällt mir noch etwas anderes auf.

Etwas viel Wichtigeres.

Dort drinnen redet niemand mit sich alleine oder jammert, weil er gestürzt ist.

Nein.

Dort findet ein Gespräch statt […]

 


 

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