Leseprobe „Dein Traum in mir“

Kapitel 9

 

Ein Rauschen drang an mein Ohr.

Wie eine Vibration schoss es durch meinen Körper.

Es rollte auf mich zu, breitete sich direkt vor mir aus, grollte um meine Füße, um sich wieder zurück zu ziehen und erneut Anlauf zu nehmen.

Wind wehte durch mein Haar und wirbelte es um mein Gesicht. Es kitzelte in meiner Nase, meinen Ohren, auf den Wangen und am Hals.

Die Luft roch feucht und salzig.

Ich hob meine rechte Hand. Sand glitt durch die Finger und fiel zu Boden.

Nachdem ich die Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte, öffnete ich die Augen. Ich blinzelte. Das Licht blendete mich.

Wo war ich?

Vor mir lag das tosende Meer.

Der Wind, der meine Haare zum Tanzen brachte, drang kühl durch den dünnen Stoff meines hellblauen Schlafanzuges. Beschämt und schützend schlang ich die Arme um mich.

Der Sand auf dem ich saß, sah grobkörnig und rau aus. Überall am Strand entlang lagen große und kleine Felsen, auf denen Möwen saßen und mich beobachteten.

Ich stand auf und klopfte mir die Hose sauber.

Am Himmel hingen dunkle Wolken, mit denen sich die Sonnenstrahlen einen Kampf lieferten, um auf die Erde durchdringen zu können. Wenn sie ihren Weg fanden, ließen sie das Meer in einem atemberaubenden Glanz erscheinen.

Es war wunderschön an diesem Ort.

Ruhig, obwohl es so laut war.

Friedlich.

Ich drehte mich um meine eigene Achse und versuchte zu erkennen, wo ich mich befand. Links und rechts von mir ging der Strand noch viele hunderte Meter weiter, bis er auf beiden Seiten in große Felswände mündete. Auf ihnen wuchsen die grünsten Bäume und Wiesen, die ich je gesehen hatte. Ich war definitiv nicht mehr in Berlin. Aber wo war ich dann?

Hinter mir führte ein naturbelassener Fußweg zwischen kleinen Steinkanten und Grasbüscheln einen flachen Hügel hinauf. Jemand musste sie vor langer Zeit dort angeordnet haben, um den Weg zum Meer zu erleichtern.

Erst jetzt fiel mir auf, dass ich keine Schuhe trug. Kleine Steine stachen mir in die Fußsohlen.

Die Möwen begleiteten mich und zogen im Flug Kreise um mich herum. Als ich eine Hand in die Luft streckte, pickte eine der Größten kurz hinein. Es tat nicht weh. Aber es war zu spüren. Wie ein kleiner Kniff in die weiche Haut der Handfläche. Sie hinterließ einen Abdruck. Ich lächelte.

Der Hügel zog sich nicht weit in die Länge. Schon wenige Schritte genügten und ich befand mich an der scheinbar höchsten Stelle. Von dort hatte ich einen besseren Blick ins Landesinnere. Nur noch wenige Meter von mir entfernt schien ein kleines Dorf zu liegen. Häuser aus grauem Stein reihten sich aneinander. Sie sahen winzig aus. Manche bestanden nur aus einer Etage, andere wiederum aus zwei oder drei. Einige standen ganz alleine am Rand im Grünen. Viele von ihnen bildeten eine lange Kette. Wie ein riesiges Reihenhaus. Durch sie hindurch schlängelten sich Straßen, wie Schlangen durchs Gras.

Ich sah ein paar ältere Menschen in ihren Vorgärten arbeiten oder entspannt auf Bänken sitzen, das Gesicht in die wenigen Sonnenstrahlen haltend. Sie unterhielten sich miteinander, doch nicht laut genug, dass ich sie hätte verstehen können.

Der Weg, der vom Meer hinaufführte, leitete mich direkt zu ihnen. Langsam ging ich auf das kleine Dörfchen zu. Ich konnte nicht genau erkennen, wie lang und groß es sich ins Landesinnere erstreckte.

Die Menschen reagierten nicht auf meine Ankunft. Sie gingen unbeirrt weiter ihrer Tätigkeit nach. Ich war nah genug dran, um verstehen zu können, dass sie sich nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch unterhielten.

“Guten Tag.” rief ich, ebenfalls auf Englisch, in ihre Richtung. Jetzt war ich froh, dass unsere Englischlehrerin Ms. Burton damals so viel Wert auf eine London-Klassenfahrt gelegt hatte. Das hatte mich vor allem im Mündlichen gut vorangebracht.

Der kleine, rundliche Mann mit dem lichten grauen Haar, der genau vor mir in seinem Garten auf der Bank saß, reagierte nicht auf meine Begrüßung.

Ich ließ meine linke Hand an seinem Holzzaun entlang gleiten, als ich um ihn herumging. Um die Hausecke herum konnte ich zwei Frauen ausmachen, die in einem Beet gruben. Vom Alter her hätten sie Mutter und Tochter sein können.

“Entschuldigen Sie? Können Sie mir helfen?” Ich ging auf sie zu und stoppte vor der hüfthohen Mauer. Das Gras kitzelte an meinen Füßen. 

Ebenso wie der alte Mann reagierten auch sie nicht.

Verstanden sie mich nicht? Dann würden sie mich doch aber zumindest ansehen.

Wo war ich hier?

“Hallo?” rief ich erneut und klopfte mit beiden Handflächen auf die Mauer vor mir.

Nichts.

War das so etwas, wie versteckte Kamera? Ein Scherz vielleicht?

Obwohl es üblicherweise nicht meine Art ist, fremder Menschen Eigentum nicht zu schätzen, entschied ich mich auf Grund der sehr skurrilen Situation dennoch dazu, das Grundstück der beiden Frauen einfach zu betreten.

Das Gartentor quietschte laut in den Angeln, als ich es öffnete und hinter mir schloss.

Sie waren nun nur noch wenige Schritte von mir entfernt.

Eine Möwe, die mich scheinbar vom Meer bis dort hinauf begleitet hatte, flog mit einem lauten Schrei zwischen den Frauen und mir hindurch. Die Jüngere von ihnen murmelte etwas und schlug nach ihr.

Ich hockte mich jetzt ganz dicht neben sie, so nah, dass ich die Härchen auf der Wange der Älteren und den Schmutz unter den Fingernägeln der Jüngeren erkennen konnte.

“Hallo? Ich brauche Ihre Hilfe.”

Nichts.

“Entschuldigung?”

Wieder nichts. Stattdessen begannen die beiden sich auf Englisch zu unterhalten. Es ging um eine Pflanze, die sie später am Abend noch einpflanzen wollten.

“Was soll denn das?”

Wütend stand ich auf. Der Wind war so frisch geworden, dass mir die Haare an den Armen zu Berge standen. Eine Gänsehaut zog sich von meinen kalten Füßen bis zu meinem Hals. Ich schlug die Arme um mich herum.

“Sie hören dich nicht.”

Erschrocken zuckte ich zusammen. Die erste und einzige Stimme, die mich laut und direkt ansprach. Wo kam sie her?

Sie war tief und angenehm warm. Sie klang nach Sommer und Sonne auf der Haut. Süß und schmelzend.

Ich fuhr herum.

Er stand hinter der Mauer, auf die ich noch vor wenigen Minuten verzweifelt mit den Händen geklopft hatte.

Einen Ellenbogen hatte er darauf abgelegt und das Kinn wurde durch seine rechte Handfläche gestützt.

Dunkelblondes, dichtes Haar umspielte sein Gesicht.

Seine türkisfarbenen Augen waren so hell und leuchtend, dass es aussah, als spiegelten sie das Meer wider.

Um seine Lippen zuckte ein Lächeln, als mein Blick auf seinen traf.

 

“Hallo Ella.”

 

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