Leseprobe 1 Das Licht des Nebels

Auszug aus Kapitel 15

[…]

Auf halben Weg zum Schuppen, in dem sich Grandpas Werkstatt befindet, kommt mir Dad mit ein paar Brettern auf dem Arm entgegen.
„Oh prima, Tragehilfe?“
„Klar.“, lächle ich und nehme ihm einige davon ab. „Was macht ihr hier draußen?“
„Warte ab! Du wirst staunen!“ Seine Augen leuchten wie die eines kleinen Jungen, der an Weihnachten auf seine Geschenke wartet. Je näher wir dem Schuppen kommen, desto lauter werden die Sägegeräusche und als Dad die klapprige Tür mit einem schwungvollen Tritt öffnet, sehe ich Grandpa vor seinem Schreinertisch stehen, auf dem sich ein kleines Holzboot befindet.
„Oh mein Gott!“ Staunend trete ich an den Tisch heran und lasse meinen Blick über dieses kleine Kunstwerk gleiten. Es ist wahnsinnig detailgetreu, hat einen Segelmast, ein Segel, eine kleine Kajüte, eine verzierte Reling und sogar zwei Sitzplätze an Board. Ich weiß sofort, was das ist und kann die Tränen kaum zurückhalten. In einer einsamen Nacht haben Dad und ich über Joshs Traum vom eigenen Boot gesprochen und da kam ihm die Idee, anlässlich seines nächsten Geburtstags eins zu bauen. Das Schönste und Beste überhaupt. Wenn ihm das mal nicht gelungen ist. Obwohl wir alle versuchen, nicht daran zu denken und schon gar nicht darüber zu sprechen, ist uns das näherrückende Datum seines ersten Geburtstags ohne ihn in unseren Reihen, deutlich bewusst. Umso schöner finde ich es, dass Dad sein Versprechen wahr macht und dieses Boot für ihn baut.
An meiner Reaktion sieht er offensichtlich all die glücklichen und tieftraurigen Gefühle zugleich, die mir in diesem Moment durchs Herz strömen, legt einen Arm um mich und drückt mich an seine Brust. „Das würde ihm gefallen, oder?“
Ich nicke, schlucke den Kloß in meinem Hals herunter und lächle tapfer. „Er würde es lieben!“
Grandpa wirft mir einen warmen, liebevollen Blick zu, nickt und seufzt einmal ganz tief. „Ich glaube, wir haben unsere kreative Unterstützung gefunden.“
„Ja, na klar!“, rufe ich ehrlich aufgeregt. „Was kann ich machen?“
Dad zeigt auf ein paar Farbeimer in einer der staubigen Ecken der kleinen Holzhütte. „Ich finde, ein richtiges Boot sollte auch ein bisschen Farbe haben. Blau und rot gefällt mir gut, was meint ihr?“
„Oh ja, das sieht bestimmt klasse aus. Wie heißt es? Ein Boot hat doch einen Namen?“
„Gut aufgepasst, mein Kind.“, lächelt Grandpa und legt die Säge zur Seite, schnappt sich seine Feile und glättet damit die scharfen Kanten. „Wir dachten daran, dass du dir den Namen aussuchst.“
„Ich?“
„Hm, jap, du!“, lacht Dad über meinen leicht überforderten Gesichtsausdruck und gibt mir einen liebevollen, sanften Stoß.
Augenblicklich fällt mir etwas ein.
„Eine Sekunde!“, rufe ich und eile aus dem Schuppen, renne durch den Garten, reiße die Haustür auf und nehme mehrere Stufen auf einmal, bis ich endlich in meinem Zimmer bin und die Schreibtischschublade aufziehe. Ich weiß genau, wonach ich suche und ich weiß, dass es dort sein muss. Am Tag unserer Abreise hat Joyce, meine damalige beste Freundin, mir eine Zeichnung gegeben, als Erinnerung an meinen kleinen Bruder. Darauf kann man Joyce, mich und Josh in unserer Mitte erkennen. In krakeliger Kinderschrift – die Worte hatte er einfach unseren vorgeschriebenen Worten nachgezeichnet – steht dort geschrieben:
Ich bin euer Prinz.
Und tatsächlich muss ich gar nicht lange suchen, bis mir die Zeichnung in die Hände fällt. Wie am Tag meiner Abreise aus Portland, ist es auch diesmal ein Stich mitten ins Herz. Wenn ich mir vorstelle, dass mein kleiner Bruder das tatsächlich für uns gezeichnet hat, diese Linien durch seine kleinen Hände und winzigen Fingerchen entstanden sind, flammt der Schmerz in meiner Brust so heftig auf, dass mir übel wird.
Ich falte das Blatt wieder zusammen und nehme es mit nach draußen in den Schuppen. Es benötigt keiner weiteren Worte, als ich es Dad und Grandpa hinhalte und beide in tiefes Schweigen verfallen.
„Was meint ihr? Ich würde vorschlagen, wir nennen es: Little Prince.“
„Das ist eine wundervolle Idee, Hannah.“, klopft Dad mir etwas unbeholfen auf den Rücken. Ich weiß ja, dass er nicht so der Gefühlsmensch ist und ihm jeder Ausdruck von Emotionen viel Überwindung kostet.
Und somit ist es beschlossene Sache.
Den restlichen Nachmittag verbringe ich mit Dad und Grandpa im Schuppen. Grandpa hat sein altes Radio geholt und wir hören Country Musik, die eigentlich absolut nicht mein Geschmack ist, aber die Situation deutlich auflockert. Ab und zu trällert er sogar mit und über seine schiefen Töne verfallen Dad und ich mehrmals in lautes Lachen.
Die beiden sind für die groben Arbeiten zuständig und ich verziere das Holzboot mit blauer und roter Farbe und goldenen Buchstaben, die nicht nur Little Prince schreiben, sondern auch die Initialen: J.F.
Es tut gut.
Diese gemeinschaftliche Arbeit.
Das Zusammensein.
Das gemeinsame Aushalten des Schmerzes und das Akzeptieren.
Es ist, als würde Joshs Tod endlich ein Teil unseres Lebens werden, der nicht mehr totgeschwiegen werden muss. Wir verlagern unsere Trauer und erschaffen daraus etwas Neues.
Ja, das tut wirklich gut.

[…]