DU entscheidest!

Der Tod von Linkin Park Frontman Chester Bennington hat mich am gestrigen Abend genauso geschockt, wie wahrscheinlich jeden von euch da draußen auch. Linkin Park … mit deren Songs bin ich aufgewachsen. Ihre Songs haben mich durch gute und schlechte Phasen begleitet, waren sie doch stets so voller Energie und Leidenschaft, wenn auch häufig düster und verloren…

Chester Bennington wurde nur 41 Jahre alt.

Er hat sich selbst das Leben genommen. Erhängt.

Erschüttert von der Nachricht über seinen Tod, habe ich diverse Nachrichten, sowie die Reaktionen ihrer Leser darauf gelesen und fühle mich heute einfach verpflichtet dazu, meine Gedanken loszuwerden.

Viele Zeitschriften, Sender, Websites etc. berichten nur noch zurückhaltend über Suizide. Warum? Weil es andere, ebenfalls psychisch erkrankte Menschen, triggern ( = motivieren, das gleiche zu tun) könnte. Das verstehe ich. Trotzdem denke ich, dass wir über so etwas reden müssen. Wie einer von vielen (es sei nur mal Robert Enke genannt) litt auch der Linkin Park Sänger unter Depressionen. Eine Erkrankung, die meiner Meinung nach heute immer noch völlig unterschätzt wird. Durch meine Arbeit als Sozialpädagogin und durch zahlreiche persönliche Erfahrungen weiß ich, dass sich in der Gesellschaft und in der ganzen Welt wirklich noch einiges tun muss. Wir reden immer davon, wie offen wir sind, dass psychische Erkrankungen kein Tabuthema mehr sein sollen, dass wir es akzeptieren und helfen wollen.

Aber tun wir das wirklich?

Es liegt ein riesiger Unterschied darin, etwas zu sagen oder etwas zu tun! Die Kommentare, die mir gestern auf diversen Seiten entgegenschlugen, haben mich wirklich entsetzt.

Wie könne man sich nur sowas antun?

Wie kann man so doof sein?

Der hat doch alles gehabt, was war denn sein Problem?

Anderen geht es viel schlechter!

 

Über so viel Empathielosigkeit kann ich nur den Kopf schütteln und hoffen, dass es andere Betroffene nicht lesen müssen. Psychisch krank zu sein heißt in unserer heutigen Welt immer noch einen Stempel auf dem Kopf zu tragen. Einen Stempel von Scham und Zurückweisung. Niemand sieht diese Krankheit, wie könnte sie wirklich da sein?

Niemand sieht den Sauerstoff, den wir zum Leben brauchen und er ist trotzdem da… nur mal so, als kleiner Hinweis am Rande…

 

Ich will mir nicht vorstellen, wie viele Menschen dort draußen sitzen, jetzt in diesem Moment, die sich denken: „Der hat es gut. Er hat es geschafft!“

Und sie sind ALLEINE! Obwohl sie Freunde haben, obwohl sie arbeiten gehen, obwohl sie Kollegen haben, zum Arzt gehen, einkaufen gehen oder was weiß ich. Sie sind trotzdem mit sich alleine. Wer will denn ständig hören, dass es einem anderen schlecht geht? Wer will sich ständig damit beschäftigen müssen, wenn man selbst doch keine Probleme hat?

Und da liegt in meinen Augen der Fehler.

So viele Menschen reden und sagen, dass sie verstehen. Doch sie verstehen nicht wirklich. Sie hören die Worte, aber begreifen sie auch, was dahintersteckt? Aus falscher Scham sprechen wir unsere Mitmenschen nicht an, obwohl wir vielleicht sehen, dass sie ständig übermüdet sind, dass sie tiefe Augenringe haben, rote Augen, ein blasses Gesicht… Wir sagen nichts, obwohl wir merken, dass sie sich zurückziehen, schweigen, sich abkapseln… Wir stellen vielleicht sogar ihre Worte, die sie uns so schweren Herzens anvertrauen, in Frage. Wie könnte man denn so düstere Gedanken haben? Läuft doch alles gut – Job, Familie, Geld…

 

Wenn wir diesen Menschen helfen wollen, wenn wir wirklich eine offenere, tolerantere Gesellschaft sein wollen, dann müssen wir unbedingt lernen richtig hinzusehen! Geht nicht ständig mit gesenktem Blick durch die Welt, schaut euch um, betrachtet eure Mitmenschen, eure Freunde und wagt euch endlich einen Blick hinter die Fassade zu werfen.

Ich höre schon die Kommentare: „Wer sich umbringen will, tut es trotzdem!“ oder „Was soll ich schon tun, wenn jemand so krank ist?“ und viele mehr. Ihr alleine werdet tatsächlich niemanden retten können, der psychisch schwer erkrankt ist.

Aber ihr könnt die Grundbausteine dafür legen, dass er sich selbst rettet!

Manchmal braucht es nur jemanden, der einen gezielt darauf anspricht. Manchmal ist es nur das Gefühl, gesehen zu werden, gehört zu werden, AKZEPTIERT zu werden – egal wie man ist – das alles ändern kann. Es können solch vermeintlich kleine Anstöße sein, die letztlich ein Menschenleben retten. Und jeder von uns – du, du und auch DU – hat es selbst in der Hand.

Wir müssen aufhören, ständig nur an uns selbst zu denken.

Erfolg

Druck

Konsum

Anerkennung

Leistung

 

Das alles ist überhaupt nichts wert, wenn man nicht gesund ist. Letztlich werden diese Dinge niemanden retten.

Man muss keine schlechte Kindheit gehabt haben, um psychisch krank zu werden. Aber man kann.

Man muss keine traumatische Erfahrung gehabt haben, um psychisch krank zu werden. Aber man kann.

Hört auf in diesen vorgegebenen Mustern zu denken. Hinterfragt nicht immer alles und hört auf, ständig alles besser zu wissen. Akzeptiert die Dinge, wie sie sind und nehmt sie euch zu Herzen. So viele Menschen unter uns fühlen sich ausgeschlossen und verloren, obwohl sie uns jeden Tag ins Gesicht lächeln. Ihre eigene Schuld, wenn sie uns nicht ansprechen? Vielleicht können sie nicht. Vielleicht haben sie angst…oh ja, ich bin sicher, dass sie sehr viel angst haben. Es ist schon schwer genug, sich als Betroffener jeden Tag den gesellschaftlichen Strukturen hingeben zu müssen. Das kostet unheimlich viel Kraft. Woher soll man dann noch welche nehmen, um sich gegebenenfalls erneut Hohn und Spott auszusetzen? Eure Sichtweise ist nicht die einzige auf dieser Welt. Wir müssen lernen uns in andere hineinzuversetzen, die Welt und das Leben durch ihre Augen zu betrachten und endlich HINHÖREN!

 

Wie oft wurdet ihr schon gefragt, wie es euch geht? Eine einfache Floskel, höflich, gut gemeint. Aber nur sehr selten mit wirklichem Interesse versehen.

Wie oft habt ihr darauf geantwortet, dass es euch gut geht, obwohl ihr gerade gestresst wart und eigentlich keine Lust zum Reden hattet?

Was glaubt ihr, wie oft psychisch Erkrankte das tun?

Jeden verdammten Tag!

Nicht, weil sie keine Lust haben mit euch zu reden. Sondern weil sie nicht können!

 

Ich schreibe das heute weder als Autorin, noch als Sozialpädagogin oder Betroffene. Ich schreibe das als MENSCH. Um wachzurütteln. Um Augen zu öffnen. Wir alle entscheiden, was wir aus diesen schrecklichen Suiziden machen. Diese armen Seelen wird es nicht mehr zurückbringen. Aber wir können es nutzen, um endlich umzudenken. Um unser Handeln zu überdenken und mehr aufeinander zu achten.

 

Niemand wird die ganze Welt retten können.

Aber die ganze Welt kann einen Einzelnen retten.

Noch heute…

 

Danke fürs Lesen.