Leseprobe „Das Funkeln der Nacht“

Auszug aus Kapitel 6

[…]

Corey trifft kurz nach mir ein und hat eine Decke im Schlepptau.
„Woher wusstest du, dass ich kurz vorm Erfrieren bin?“
Er lächelt und legt sie um meine Schultern. „Da seid ihr Mädchen doch alle gleich.“
Ich kann gar nichts dagegen machen, dass ich sofort anfange zu überlegen, ob er schon viele Freundinnen gehabt oder womöglich auch jetzt gerade eine hat. Das weiß ich ja gar nicht. Am Ende löse ich noch ein schreckliches Eifersuchtsdrama aus und hab nicht nur meine Grandma umsonst verärgert, sondern mich selbst auch noch in dummen Schwärmereien verrannt.
„Obwohl du … seit langem das erste Mädchen bist, mit dem ich mich unterhalte.“ Er sagt es leise, fast ein bisschen schüchtern und pausiert mitten im Satz, als müsse er sich selbst überzeugen, die Worte wirklich auszusprechen. Mir wird ganz kribbelig im Magen und ich würde ihn zu gern anschauen, traue mich aber nicht, den Blick zu heben.
„Was war denn zu Hause los?“
Ich erzähle ihm von Grandma und ihrer Reaktion auf seinen Namen vor einigen Wochen. Er hört die ganze Zeit aufmerksam zu, nickt hier und da, kommentiert aber keins von meinen Worten.
„Sag du es mir: Warum könnte sie solche Befürchtungen wegen dir haben?“
Er zuckt mit den Schultern, rupft einen Grashalm ab und zerreißt ihn in kleine Stücke.
„Keine Ahnung.“
„Aber ihr hattet doch etwas miteinander zu tun. Du kennst sie, hast du gesagt. Woher?“
Corey steht auf und beginnt am Ufer auf und ab zu laufen. Dabei lässt er mich nicht aus den Augen, scheint aber krampfhaft zu überlegen, was er mir auf meine Frage antworten soll. Das wohlige Kribbeln von vorhin löst sich langsam in unangenehmes Kneifen auf.
„Ich war bei ihr, weil ich nach jemandem gesucht habe.“
„Nach einem Verstorbenen?“
Sein Blick schießt nach oben und seine sonst so tiefen, blauen Augen wirken plötzlich unendlich kalt und distanziert.
„So ähnlich.“
„Also warst du ein Kunde von ihr?“, bohre ich nach. Ich will nicht, dass er mir wieder ausweicht. Ich will es einfach wissen. Egal was es ist.
„So in etwa.“
„Was soll das heißen?“
„Ist das hier ein Verhör?“ Corey blickt mich finster an und mir wird auf der Stelle noch kälter. Vielleicht hat Grandma doch kein Unrecht gehabt. Vielleicht verbirgt er etwas vor mir. Ganz sicher tut er das, sonst würde er doch kaum so reagieren.
Ich stehe auf und gehe langsam auf ihn zu, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen und auf die Decke zu achten, die von meinen Schultern auf den Felsen sinkt.
„Ich will es einfach nur verstehen. Du bist nett und siehst gut aus und sie warnt mich vor dir, als wärst du gemeingefährlich. Überzeug mich davon, dass du es nicht bist, damit ich …“
In diesem Moment packt er mich in solch einer Geschwindigkeit, dass ich gar nicht weiß, wie mir geschieht. Er hält mir den Mund zu und zieht mich hinter einen riesigen, dicken Baumstamm. Seine Haut fühlt sich kalt auf meinem Gesicht an und seine Finger riechen nach Erde. Er drückt die Hand so fest auf meinen Mund, dass ich kaum noch atmen kann. Verzweifelt fange ich an zu strampeln und an seinem Arm zu ziehen, versuche ihn loszuwerden und mich zu befreien. Die Panik und das Adrenalin lassen meinen Körper plötzlich kochend heiß werden.
„Pssssst. Hannah, sei leise, bitte.“
Doch ich bin es nicht. Sein Flüstern an meinem Ohr macht mich nur noch nervöser. Er könnte ein Vergewaltiger sein. Oder ein Mörder.
Gott, ich war so naiv.
So dumm.
Grandma. Hätte ich nur auf Grandma gehört.
Noch immer zapple ich wie wild und er versucht mich mit seinem anderen Arm im Zaum zu halten.
„Hannah, du musst mir vertrauen. Ich tu dir nichts. Bitte sei leise. Bitte.“ Meine panischen Augen finden seinen starren Blick und folgen diesem am Baumstamm vorbei zurück zum Fluss.
Da sehe ich, was ihn so in seinen Bann gezogen hat.
Eine dunkle Gestalt läuft über das Kiesbett.
Nein.
Sie läuft nicht.
Sie kriecht. Vielleicht zieht sie auch ein Bein nach. Ich kann es aus der Entfernung und in der Dunkelheit nicht richtig erkennen. Bei ihren Bewegungen macht sie ein knirschend-schmieriges Geräusch. Es tut in den Ohren weh und sorgt gleichzeitig fast dafür, dass sich mein Abendessen wieder ans Licht der Welt kämpft.
Ich verstumme schlagartig und höre meinen Herzschlag in den Ohren hämmern. Als Corey merkt, dass ich ruhiger werde, lässt er mich los und legt einen Zeigefinger auf seinen Mund, um mir zu verdeutlichen, dass ich still sein muss.
Die dunkle Gestalt nähert sich dem Felsen und scheint nach der Decke zu greifen. Mit einem schnorchelnden Geräusch presst sie den Stoff an ihr Gesicht und lässt einen markerschütternden Schrei los. Ich kann ein Wimmern nicht unterdrücken. Corey zieht mich schützend an sich und legt die Arme um mich herum.
„Wenn ich bis drei gezählt habe, läufst du nach Hause. So schnell du kannst und auf direktem Weg. Hast du mich verstanden?“
Seine Stimme ist kaum hörbar, obwohl er ganz dicht an meinem Ohr ist.
„Und du?“, flüstere ich zurück, ohne die Gestalt aus den Augen zu lassen.
„Frag nicht, tu was ich sage.“
„Aber…“
„Eins…“
„Ich kann das nicht.“ Mir ist heiß, doch meine Beine fangen an zu zittern, sodass ich mich an Coreys Armen festhalte.
„Du musst.“, sagt er und streichelt mir kurz über das Haar. „Zwei…“
Hektisch schaue ich in die Richtung, in die ich laufen muss.
Ich kann den Weg kaum erkennen, weiß nicht, ob es Stolperfallen gibt und ich stürzen werde.
Wer auch immer das am Ufer ist, wird mich sehen. Es besteht keine Möglichkeit, heimlich nach Hause zu rennen. Ich will ihn noch einmal fragen, was mit ihm ist, will ihn bitten, mit mir zu kommen, doch da sagt er laut und deutlich:
„DREI!“
Corey schubst mich regelrecht ins Gras und ich rapple mich zügig auf und renne.
Ich renne, ohne mich auch nur einmal umzudrehen.
Ohne zu wissen, wer oder was hinter mir ist.
Ohne die grunzenden und stöhnenden Geräusche zu beachten.
Ohne zu schreien oder zu weinen.
Ich renne wie von Sinnen, mit stechend-beißender und eisig kalter Luft in meinen Lungen und Krämpfen im Magen.
Ich renne, als gäbe es kein Gestern oder Morgen, als wäre es für immer nur noch ein Hier und Jetzt.
Ich renne, als wäre es das Letzte, was ich tun müsste.
Nach wenigen Minuten erreiche ich die Haustür, stürme ins Haus und lasse mich im Flur völlig erschöpft und außer Atem auf die Treppenstufen sinken. Mein Blick heftet an der Tür, wartet fast darauf, dass sich der Türknauf bewegt und jemand hineinkommt, doch nichts passiert.
Da legt sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter und ich schreie los.
„Ich bin es, Kind. Ich bin es! Beruhige dich!“
Tränenüberströmt sinke ich in Nanas Arme, lasse mich von ihr halten und trösten, spüre ihre Wärme und nehme ihren wohltuenden Geruch nach altem Ledersofa und Duftstäbchen wahr.
Nana hält mich.
Wie lange, das weiß ich nicht.
Doch irgendwann löst sie sich von mir und schaut mich mit einem eindringlichen Blick an. „Komm, Kleines. Ich muss dir etwas zeigen.“
Und so ich folge ihr direkt in ihr Arbeitszimmer.