Leseprobe und Ratespiel ;)

Heute gibts eine kleine Leseprobe aus dem ersten Buch der SeelenMeer-Trilgoie für euch und ihr dürft mal mitraten. 🙂

 

Welchen Beruf übt Hannahs Grandma aus?

 

Leseprobe – Auszug aus Kapitel 7

Grandma verschließt die Tür hinter uns mit einem Gesichtsausdruck, der danach schreit, dass ich für einen Moment nichts sagen soll und wir gleich etwas tun werden, wovon niemand erfahren darf.

Würde man ihr Arbeitszimmer ohne Hintergrundwissen betreten, käme man nicht auf die Idee, was sie darin wirklich tut. Die Wände sind in einem dunklen, warmen Rot gestrichen. Am Fenster hängen schwere, beige Vorhänge, die sofort nach unserem Eintreten von ihr zugezogen werden. Überall stehen Bücherregale und Pflanzen. Nur in der Mitte des Raumes befinden sich drei alte, klobige, in dunkelbraun gehaltene Ledersessel. Mit einer Handbewegung bittet sie mich, mir einen auszuwählen und mich zu setzen.

Ich wähle einen von den beiden, der dem Einzelnen gegenübersteht. So ist es wahrscheinlich auch gedacht. So machen es ihre Kunden sicher auch. Der süßlich und zugleich herbe Duft eines Räucherstäbchens dringt mir in die Nase. Wenn ich es zu lange rieche, bekomme ich jedes Mal Kopfschmerzen davon. Doch das macht Grandma nichts aus. Sie zündet gleich drei davon an und verteilt sie auf den Regalen um uns herum.

„Ich weiß“, beginnt sie plötzlich, „dass meine Familie nicht viel von meinem Beruf hält. Auch du nicht, Hannah.“

Fast fühle ich mich schuldig, wie auf der Anklagebank. […]

„Es ist nicht so, dass ich nichts davon halte. Aber es ist irgendwie nicht greifbar. Man sieht nicht, was du tust. Wenn ich in einem Burgerrestaurant arbeite und ein Kunde einen Doppelwhopper bestellt, dann bereite ich den zu und werde dafür bezahlt. Ich sehe, was ich als Arbeit gemacht habe und er auch. Bei dir sieht man es aber nicht.“

„Heißt es deshalb automatisch, dass es nicht da ist?“

Ich senke den Blick, während Grandma sich mir gegenüber in den einzelnen Sessel setzt. Wie ich es geahnt habe.

„Nein, aber…“

„Kind, nicht alles auf dieser Welt ist so, wie es auf den ersten Blick scheint und es wird immer Dinge geben, die wir Menschen nicht verstehen oder greifen können.“

[…] Ich bin damit aufgewachsen, dass Grandma diesen merkwürdigen Beruf hat. Um ehrlich zu sein, finde ich ihn sogar spannend, aber er war schon immer ein Tabuthema in unserer Familie. Etwas, wofür sich meine Eltern schämen. Menschen scheinen sich ziemlich oft für das zu schämen, was andere tun, nur weil sie aus ihrer eigenen und nicht aus deren Sicht darüber urteilen. Seit ich älter bin und mir eine eigene Meinung bilden kann, betrachte ich ihren Beruf mit neugieriger Skepsis. Es ist das, was wir nicht greifen können, was uns letztlich auch verunsichert.

„Hannah, du kennst mich seit über 16 Jahren. Würdest du sagen, dass ich eine Schwindlerin bin?“

Diese Frage überrascht mich und ich bin kurz davor zu lachen, um meine Unsicherheit irgendwie zu überspielen, doch Nana selbst schmunzelt nicht einmal.

„Ich denke, dass du so ziemlich die ehrlichste Person bist, die ich kenne.“

Sie faltet die Hände im Schoß und lehnt sich zurück.

„Was glaubst du, warum Menschen wie ich solche Berufe ausüben?“

„Dad hat es mal als Wichtigtuerei bezeichnet.“

Wieder dieses nervöse Lachen von mir. Ich muss das echt lassen.

Grandma blickt wortlos auf ihren Schoß, wartet ein paar Sekunden und schaut dann wieder zu mir auf. Ihre Stimme ist jetzt nicht mehr so fest, wie gerade eben noch. Im Gegenteil. Sie klingt brüchig, als falle es ihr schwer, diese Worte auszusprechen: „Seit fast 30 Jahren arbeite ich jetzt als […]. Das sind 30 Jahre voller verachtender Blicke, Gespräche hinter meinem Rücken, Gerüchte, die mich durch den Dreck gezogen haben. Hannah, glaubst du wirklich, dass ich damit Ansehen erhalte? Mich wichtigmachen kann? Die Menschen sind heute nicht mehr so. Es sind immer alle zusammen gegen den Einzelnen. Und ich bin diese Einzelne.“

Ihre Augen werden glasig und reumütig wühle ich ein zerknittertes Taschentuch aus meiner Hosentasche.

„Es… es ist nicht benutzt.“ Mit einem traurigen Lächeln nimmt sie es und tupft sich über die Augen.

Ich fühle mich furchtbar schlecht. Und doch brennen mir die Worte auf der Zunge.

„Warum tust du es dann, Nana? Warum tust du etwas, das dich so leiden lässt? Das musst du doch gar nicht.“

Sie hat sich schnell wieder gefangen und tätschelt mein Knie.

„Oh doch. Ich muss. Warum? Weil es jemand tun muss. Jemand muss ihnen helfen.“ […]